Was ich im Urlaub nicht gelesen habe.

Wer Bücher liest und reist, wählt oft die Lektüre, die am Urlaubsort entstanden ist. Und wer dann in der heißen Sonne Griechenlands landet, vergisst gelegentlich alle Lektürepläne.

Die erste Handlung, die ich nach der Landung auf Korfu durchführe, ist, meine geschlossenen Schuhe durch ein paar bequeme, wenn auch nicht ganz stylische, Birkenstock-Sandalen zu ersetzen. Freiheit für die Füße! Im Nachhinein ist das auch der Moment, in dem meine guten Lese-Vorsätze für den Urlaub direkt den Bach runtergegangen sind. Denn vor dem klimatisierten Terminal trifft mich mit voller Wucht eine Hitze, die wir hier so gar nicht haben. Es ist kurz nach Mitternacht und die Luft steht. Das Dauergeräusch der Zikaden ist um diese Uhrzeit gerade nicht im Einsatz, aber ich weiß, morgen wird es da sein und sich in meinen Kopf bohren.

In meinem Handgepäck befindet sich eine schmale Ausgabe von Lawrence Durrells „Schwarze Oliven“. 1940 wohnte der britische Schriftsteller und Diplomat auf der Insel, das Buch enthält seine Tagebucheinträge und lässt sich angeblich auch ganz gut als Reiseführer nutzen. Ich selbst bleibe nur 10 Tage in Griechenland und habe große Pläne, denn eigentlich bin ich eine „Aktiv-Urlauberin“ und nehme alles mit, was sich so ansehen, erschmecken und ertrinken lässt.

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Ausblick aus dem Schlafzimmerfenster. Ein Sattsehen ist überhaupt nicht möglich.

Am nächsten Morgen wird aber klar, dass diesmal alles nicht so sein wird. Die Sonne scheint und ich bekomme die Hitze zu spüren, die sich wie ein riesiger Steinbrocken für die Gesamtheit meines Aufenthalts auf meine Pläne pressen wird und unter deren Druck diese einfach zerbröseln. Ich gebe zu, Durells Buch befindet sich auch heute noch in dem gleichen, völlig ungelesenen, unzerknickten Zustand, in dem es nach Korfu gereist ist. Stattdessen finde ich in einem Schrank im Haus einige Bücher, an denen meine Augen kleben bleiben.

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Aussicht mit Hafen bei Nacht. Entspannend für die Augen.

Zum Einen ist da eine deutsche Ausgabe von „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach, um dessen Bücher ich bisher einen Bogen gemacht habe. Jetzt aber, unter der Hitzeglocke, sind die kurzen Geschichten über kriminelle Vorgänge exakt das richtige. Meine Aufmerksamkeitsspanne darf kurz sein und auch wenn ich einfach einschlafe auf meinem Liegestuhl, ist das kein Verlust. Es macht Spass, Schirach zu lesen. Seine Sprache ist so klar, präzise und so herrlich undramatisch. Trotzdem dringt durch sie das Gefühlschaos der Protagonisten, das Mitgefühl auslöst und verhindert, dass die Beschreibungen der Verbrechen zu einem schnöden Aktenbericht verkommen. Es braucht keine Ermittler mit gebrochenen Biografien, keine SWAT-Einsätze oder Verfolgungsjagden. Schirach konzentriert sich nur auf die Kriminellen und zeigt, wie viele Faktoren im Leben es gibt, die Menschen zu extremen Taten treiben.

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Aussicht auf einen Badestrand. Auch das Liegen am Strand ist eine zumutbare Tätigkeit in der Hitze.

Später in dieser Woche grabe ich weiter hinten im Schrank noch einen Sammelband von Krimigeschichten aus: Marjori Eccles‘ „Inspector Mayo Mysteries“. Den Namen habe ich noch nie gehört, aber mein Hirn ist zu diesem Zeitpunkt schon so gebraten, dass das auch völlig egal ist. Die Krimis sind leicht und leicht zu vergessen. Genau richtig also für ein Leben als Plattfisch.

Überhaupt gewinnt im Laufe der Woche das In-die-Landschaft-Blicken gegen das Lesen von Buchstaben. Allein in den Ausblick aus dem Schlafzimmerfenster kann ich mich jeden Tag mindestens eine Stunde vertiefen und den Booten zuschauen, die weit unten in der Bucht ankern und wieder fortfahren. Egal, wo man sich auf Korfu befindet, es gibt immer einen Berg oder eine Anhöhe, von der aus man einen Blick auf irgendetwas Interessantes hat.

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Ansicht einer Gasse in Korfu-Stadt. Laufen ist anstrengend.

Aus dem Plan, Durrells Buch zum Reiseführer zu erklären, ist also nichts geworden. Dafür kenne ich jetzt sehr viele Buchten zwischen Korfu-Stadt und Agios Stefanos, war in kleinen Tavernen essen und habe die Insel vom Boot aus betrachtet. Durrells Haus auf Korfu habe ich auch gesehen, aber anzuhalten, die Kamera in die Hand zu nehmen und das Haus zu fotografieren, erschien mir als ein zu großer Aufwand. Ich habe nicht einmal das berühmte Achilleion der Kaiserin Elisabeth gesehen. Schlimm ist das nicht. Wenn der kalte Herbst kommt, werde ich einfach „Schwarze Oliven“ lesen und die Bilder der Landschaften, die Hitze und das unaufhörliche Zikadenrauschen wird wieder da sein.


Mehr Bilder von Landschaften finden sich auch auf meinem Instagram-Feed, hier rechts im Seitenmenü zu finden.

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