Volker Weidermann – Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft

Der Bahnhof in Ostende — einem Badeort an der belgischen Nordseeküste — ist heute eines der wenigen wirklich schönen Gebäude im Ort. Die Strandpromenade, die Weidermann in seinem biografischen Roman beschreibt, gibt es heute nicht mehr. Stattdessen ist die erste Reihe am Strand eine endlose Folge von seelenlosen Hotelbettenburgen, die eine geschlossene Front gegen das Meer bildet. Zum Baden lädt das nicht gerade ein.

Ganz anders also muss es damals, 1936, gewesen sein, als hier in Belgien die Emmigranten der deutschen Kultur noch einmal zusammengekommen sind, um einen letzten Sommer zu verbringen. Allen war wohl schon da klar, dass die Rückkehr nach Deutschland oder nach Österreich sehr unwahrscheinlich ist.

Weidermann konzentriert sich in seinem Besuch auf die Beziehung zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth, die sich hier in Ostende erst begegnen und sich nach diesem Sommmer auch nie wieder sehen werden. Zweigs finanzielle Situation ist noch gut und er unterstützt den Freund regelmäßig. Das Buch beleuchtet, wie sich die Schreibprozesse der beiden Schriftsteller überschneiden, wie sich gegenseitig Ideen zuschieben, sie verwerten und verändern. Mit dem Wissen über diese enge Verbindung lassen sich die Erzählungen beider noch einmal in einem anderen Licht — und immer mit der Frage: Von wem stammt es wirklich? — lesen.

Auch andere Persönlichkeiten tauchen natürlich auf: Egon Erwin Kisch genauso wie Irmgard Keun, die in Ostende eine Beziehung zu Roth beginnt, die für beide in Trinkexessen und gesundheitlichen Schäden endet. Keun wird später heimlich wieder nach Deutschland zurückkehren und dort unentdeckt leben, bis ihr Werk nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt wird. „Das kunstseidene Mädchen“ gilt heute als einer der innovativsten Romane der Zeit der Weimarer Republik. Joseph Roth dagegen stirbt schon 1939 an den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums.

Weidermanns halbfiktionaler Erzählstil erinnert mich an vielen Stellen an andere Bücher des Genres, unter anderem an „1913“ und „Sire, ich eile“. Das Büchlein liest sich so weg und nährt natürlich die Enttäuschung, wenn man dann tatsächlich in Ostende steht. Der Autor warnt seine LeserInnen zwar vor, aber die Realität ist dennoch erschütternd. Darauf sollte man schnell wieder losfahren und in Brügge halt machen — das erfüllt nämlich mehr, als der Film „Brügge sehen…und sterben?“ schon zeigt.

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