Stefan Zweig – Brief einer Unbekannten

*Dieser Post erschien 2013 auf meinem alten Blog.

Seit Neuestem nehme ich an einem kleinen privaten Lesekreis teil, in welchem wir Novellen durch alle Jahrhunderte lesen. Dass sie nicht chronologisch geordnet sind, zeigt schon die erste Novelle, die zur Wiener Moderne gehört. Aber Chronologie muss gar nicht sein, denn die Unterschiede und Gemeinsamkeiten lassen sich so auch gut herausarbeiten.

Diese Woche also war es Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten von 1922. Das Entstehungsdatum dieser Novelle in Briefform ist unbekannt. Der Schriftsteller R. erhält einen Brief von einer Frau, an die er sich nicht erinnern kann, die ihm aber eröffnet, dass sie ihn ihr ganzes Leben geliebt hat und seinen Sohn großzieht. Erst jetzt, als das Kind tot ist und auch sie sterben wird, wendet sie sich an ihn. R. versucht, sich an diese Frau zu erinnern, aber es will ihm nur schemenhaft „wie im Traum“ gelingen will. Die unbekannte Frau in Stefan Zweigs Novelle ist der Prototyp der Hörigen. Ihre Liebe ist eine manische Fixierung auf diesen einen Mann, der ihr genau genommen fremd ist. Als Dreizehnjährige verliebt sie sich in ihn: Er zieht in die Nachbarwohnung ein, die vorher nach seinen luxuriösen Wünschen eingerichtet wird. Ihre erste Schwärmerei ist also nicht auf seine Person direkt gerichtet, sondern konzentriert sich mehr auf sein Lebensumfeld, dass komplementär zu ihrem eigenen ist.

Er ist ein bekannter Mann mit großem Einkommen, der sich mit Luxus umgibt und dessen Name Gewicht hat, wohingegen ihre ärmliche Wohnung nicht einmal durch ein Namensschild an der Tür ausgewiesen ist. Die Zuwendung zu R. wird geheim gehalten – sie ist anonym und bleibt es auch bis zum Abfassen des Briefes. Für das Mädchen, um welches sich die Mutter nicht sehr kümmert, ist diese Liebe eine Erfüllung des emotionalen Defizits, dass sich durch den Tod des Vaters ergeben hat. Erst mit dem Blick, den ihr der Schriftsteller im Vorbeigehen zuwirft und von dem sie schon bald weiß, dass er allen Frauen gilt, verwandelt die Schwärmerei in sinnliches Begehren. Wo vorher nur eine kindliche Liebelei war, erwächst jetzt ein erotisches Begehren, dass einige Jahre später erfüllt wird.  Die Unbekannte trifft den Schriftsteller R. wieder, als sie achtzehn Jahre ist und im Winter vor seinem Haus auf ihn wartet. Sie verbringen drei Nächte miteinander, in denen ihr Sohn gezeugt wird. Die Häufigkeit und Ort der Begegnungen bestimmt R., der sich nach seiner Reise nicht wieder bei der Frau meldet. Sie fügt sich in seine Bestimmungen und klagt sein Verhalten nicht an, obwohl sie sich sehr bewusst über sein Wesen ist. Sie weiß, dass er ein Egoist ist, für den die Frauen austauschbar sind. Er betrachtet sie nicht als Individuum und wird sich so auch später nicht an sie erinnern können. Sie wiederum bricht mit den Normen der Gesellschaft, wenn sie sich seinem Angebot nicht verweigert, sondern stattdessen sehr deutlich zustimmt. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass er sie bei ihrer dritten Begegnung 10 Jahre nach der Geburt des Sohnes für eine Prostituierte hält und ihr Geld zuschiebt. Dass er sie nicht erkennt, enttäuscht sie und obwohl sie immer wieder betont, dass sie ihm in diesem Leben „nur Vergnügen bereiten will und nicht anklagen“, ist doch ihr Brief eine Art postume Rache am geliebten Menschen.

Es stellt sich die Frage, warum sie ihm nicht schon früher eröffnet, dass er einen Sohn hat und wer sie ist. Ein Grund ist vielleicht, dass sie sich ihre Vorstellung von seiner Person bewahren will. Sie verschließt sich dem Aspekten seiner Persönlichkeit, die sie nicht mit ihren Vorstellungen vereinen kann und nimmt hin, dass er ein egoistischer Dandy ist. Mit der Geburt des Sohnes ersetzt die Mutterliebe das sexuelle Verlangen. Der Sohn, der seinem Vater ähnlich sieht, soll im gleichen Luxus aufwachsen, in welchem der Vater lebt. Die Frau nähert sich den Wertmaßstäben und gesellschaftlichen Ebenen ihres Geliebten an, indem sie das Gleiche für ihren Sohn erreicht. Dafür verkauft sie sich an reiche Liebhaber, deren Liebe sie nicht erwidert. Auch gegen die eigene gesellschaftliche Klasse benimmt sie sich arrogant. Sie sieht verächtlich auf die anderen Prostituierten und Armen herab, mit denen sie gemeinsam im Saal der Gebärklinik liegt. Ihre soziale Isolation macht es ihr leichter, das eigene Handeln zu akzeptieren und als nicht falsch zu betrachten. Mit dem Tod des Kindes jedoch verliert sie ihren Lebenssinn, ist doch eine erneute Begegnung mit dem geliebten Mann nicht zu erwarten.

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