Repost: Christian Kracht – Faserland

Ungefilterte erste Leseeindrücke aus dem Lesejournal. Heute Christian Kracht: Faserland.

Über Christian Kracht lässt es sich ja ganz hervorragend diskutieren und streiten. Ich glaube, neben Clemens Meyer ist das einer der wenigen Autoren, die in meinem Freundeskreis polarisierende Meinungen hervorrufen. „Faserland“ war der erste Roman, den ich von Kracht gelesen habe. Das ist schon eine Weile her, aber der Eindruck hat sich seitdem nicht wesentlich verändert, sondern eher mit der Lektüre von „Imperium“ verstärkt: Konsummüdigkeit spielt in allen Werken eine nicht zu unterschätzende Rolle, aber ich weiß nicht so recht, ob sich der Autor nicht langsam ein wenig in seinem Stil verrennt. Mal schauen, was sein neuer Roman „Die Toten“ so bringt. Bis dahin aber noch der ungefilterte Eindruck von Faserland, kurz nach dem ersten Lesen vor einigen Jahren.


Im Faserland, diesem Ort irgendwo zwischen Sylt und der Schweiz, in der unglaublich hässliche Züge mit verboten aussehenden Bordbistros herumfahren und in dem wie es scheint jeder Protagonist zu betrunken ist, um seine Besitztümer beieinander zu halten, in diesem sich auflösenden Land also bewegt sich Christian Krachts Hauptfigur ohne Ziel voran. Dabei trägt der noch junge Mann eine Barbourjacke, mal seine eigene übrigens und dann die, die er einem Freund klaut. Seine Annäherungsversuche an die Frauen scheitern aus diversen Gründen, wobei Trunkenheit noch einer der einfacheren ist.

Und getrunken wird sehr viel im Faserland, dem Land der deutschen Oberschicht, die bei Gosch Scampi mit Knoblauch isst und danach betrunken mit dem Porsche durch die Gegend rast. In Hamburg vergnügt sie sich zum Schein mit den Normalen dieses Landes, wirft ein paar Pillen ein und verliert sich im Trip.

 Je weiter unser Protagonist nach Süden kommt, desto mehr zerfasert die Vorstellung von der sorgenfreien Lebensweise und dahinter sehen wir die schwarzen Abgründe. Menschen, die ziellos durch die Welt reisen, auf der Suche nach dem eigenen Ich, „weil es so glamourös ist, das Herumstreifen an seltsamen Orten, wo einen absolut keiner kennt. Und keiner weiß, was genau man da will. Tourismus ist es ja nicht. Und Geschäftsreisen sind es auch nicht.“ Menschen, die die Sinnlosigkeit ihres Lebens hinter Valium und Alkohol verstecken, hinter Markenartikeln und Rave-Parties. Sie sind Hipster, bevor es Hipster überhaupt gibt und ihr Lifestyle ist nichts für die Masse.

Aber da, ganz im Süden, am Bodensee und kurz vor der Grenze, da zeigt sich die Kehrseite der Medaille und auch unser Protagonist, der bis hierher kam, ohne zu wissen, was er sucht, sieht es plötzlich: „Ich meine, Rollo läuft jetzt von einem Grüppchen zum anderen, und überall wo er auftaucht, lachen die Menschen und sind fröhlich. Aber das sind nicht seine Freunde. Seine Freunde würden ihm doch sagen, daß er aussieht wie ein Alkoholiker und tablettensüchtig ist.“ Natürlich sagt ihm das keiner, am allerwenigsten unser Protagonist, der sich lieber mit Rollos Auto in die Schweiz absetzt, während der depressive Sohn eines Millionärs Selbstmord im Bodensee begeht. Denn Verantwortung übernehmen, oder „sich anstrengen müssen“ sind Dinge, die er nicht will und nicht kann.

Faserland ist schnell, stakkatohaft zuweilen, Schnitt, Schnitt, neue Szene, anderer Ort, andere Zeit, abblenden, nächste Szene. Alle sind ein bisschen zu reich, zu schön und zu arrogant, als dass ich sie mögen könnte. Interessant wird der Roman dort, wo er nichts erzählt, sich nicht erklärt: Wie kommt der Protagonist eigentlich nach Heidelberg, so abseits von seiner sonst geraden Route? Warum überhaupt diese Reise nach Süden? Zusammengefasst trifft es vielleicht der Titel eines Aufsatzes von Stefan Beuse am besten: 154 schöne weiße Blätter.[1]


[1] Stefan Beuse: 154 schöne weiße leere Blätter. Christian Krachts „Faserland“, in: Der deutsche Roman der Gegenwart. Hrsg. v. Freund/ Freund. München: Fink, 2001, S. 150-155

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