Krimis aus China – Qiu Xiaolong

Gute Krimis kommen nicht nur aus Skandinavien, sondern auch aus China. So wie die Krimireihe um Inspektor Chen in Shanghai von Qiu Xiaolong.

In letzter Zeit ist es sehr ruhig geworden in der Bücher-Kategorie auf diesem Blog. Das hat einerseits mit meiner Unlust zu tun, mich über Literatur auszulassen, wenn ich in der Zeit draußen auf meinem Fahrrad unterwegs sein kann. Andererseits allerdings hat mich gerade eine leichte Lesemüdigkeit befallen, die sich vor allem darin äußert, dass mich allzu fordernde Bücher nicht ansprechen. Erfahrungsgemäß ist das der Moment, in dem ich zu einem Krimi greife und einfach mal zur reinen Unterhaltung lese.

Dabei habe ich aber trotz allem nicht vergessen, dass ich einen Vorsatz für dieses Jahr gefasst habe, der auch weiterhin gilt. Dementsprechend wurden Mankell, Larsson und andere Nordlichter beiseite geschoben und stattdessen bekam ein Chinese den Zuschlag. Aber es stellt sich heraus, so richtig chinesisch ist Qiu Xiaolong irgendwie dann auch nicht mehr, zumindest was seinen Wohnort seit vielen Jahren angeht. 1989 blieb der Autor nach Meldungen zum Tian’anmen-Massaker in den USA, wo er gerade zu Besuch war. Erst 1995 reiste er wieder in seine Heimatstadt.

Qius Hauptfigur Inspektor Chen Cao ermittelt dennoch nicht in den Vereinigten Staaten, sondern im heimatlichen Shanghai der 1990er Jahre. Das ist in mehrerer Hinsicht spannend. Seine Fälle haben immer auch eine politische Komponente, die häufig im Verlauf der Ermittlungen immer wichtiger wird. Das Privatleben der Hauptfiguren, ihre persönliche Einstellung zu den Richtlingen der Partei, zu den Realitäten des chinesischen Kommunismus und die immer wieder in die Gegenwart reichende Vergangenheit aller Beteiligter in der Zeit der „Chinesischen Kulturrevolution“ erschaffen in den Krimis eine Dimension, die sie von ihren Verwandten aus Skandinavien deutlich unterscheiden. Natürlich genießt der Autor die Freiheit, ungeschönt über sein Heimatland schreiben zu können und nicht hinter dem Berg halten zu müssen — auch dort, wo es unangenehm wird. Es verwundert nicht, dass seine Romane in ihrer Originalform in China selbst nicht erscheinen, sondern für den dortigen Markt zensiert werden.

Die politische Dimension der Krimis von Qiu Xiaolong ist sicherlich eine, die LeserInnen in ihrem Urteil spalten wird. Natürlich kann sie nicht ausgeblendet werden, denn als Polizist muss Inspektor Chen die Kritik an seiner Regierung vorsichtig dosieren. Die Figur des Chen Cao ist ein Aufsteiger und Profiteur des Einparteiensystems. Doch gerade dieser Aufstieg bringt auch Neider aus allen Generationen auf den Plan, die den Inspektor lieber früher als später aus dem Amt haben wollen. Diese Machtspiele innerhalb der Partei und ihre Auswirkungen auf die Ermittlungen in den zumeist politisch motivierten Morden nehmen in den Romanen viel Raum ein. Der Autor bietet viel Information zur politischen Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, die oft der Auslöser für die Handlungen vieler Protagonisten sind. Dennoch kann es gelegentlich ermüdend sein, wenn der Fortschritt der Handlung immer wieder durch die historischen und politsch-erklärenden Abschnitte unterbrochen werden.

Qius zweites großes Thema ist die Vielfältigkeit der chinesischen Küche, die für uns EuropäerInnen an mancher Stelle sicherlich gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Fleisch- und nudellastig kommt sie daher, grüne Zwiebeln scheinen in China an jeder Ecke zu wachsen und was die Spezialität „fight of tiger and dragon“ im Genauen ist, wird ebenfalls nicht der Fantasie der LeserInnen überlassen, sondern flugs aufgeklärt. Ich habe beim Lesen auch wikipedia befragt, um herauszufinden, was denn nun genau die Guanzhong-Küche von der kantonesischen unterscheidet, denn die Nahrung selbst und der Akt des Essens sind in den Krimis wirklich überall präsent und bilden einen wichtigen Aspekt der Erzählungen. Schaut man genauer auf die Textstellen, an denen Figuren essen, zu einem Essen oder Bankett eingeladen werden oder auch nur Getränke einnehmen, stellt man fest, dass hier Hierarchien, Beziehungen und Machtgefälle unmittelbaren Ausdruck finden. Über einem Tee oder einem mehrgängigen Menü werden Informationen ausgetauscht, Freundschaften geschlossen, Beziehungen ausgelotet oder auch Bestechungsversuche unternommen. Chinas wirtschaftliche Lage und die langsame Öffnung für die kapitalistischen Unternehmen der westlichen Welt durch die neue Politik Deng Xiaopings eröffnen neue Möglichkeiten, über die Auswahl des Restaurants und der Speisen und Getränke die eigene Kaufkraft und Macht darzustellen. Plötzlich gehen junge Mädchen zu Starbucks, statt ihren Tee zuhause zu trinken. Und die neuen Big Bucks, Geschäftsmänner mit rasant steigendem Vermögen, laden ihre Partner in die besten Restaurants der Stadt ein. In den privaten Räumen eröffnen sich so auch für Inspektor Chen neue Einsichten in die halbseidene Welt des neuen Kapitalismus.

Das dritte – und letzte – immer wiederkehrende Motiv in Qius Inspektor Chen-Reihe ist die Vielzahl der zitierten chinesischen Dichterinnen und Dichter. Inspektor Chen selbst hat einen Abschluss in Englischer Literatur und ist ein Connaisseur chinesischer Dichtung, die er immer dann zitiert, wenn ein direktes Aussprechen von Sachverhalten nicht angebracht zu sein scheint. In einem Fall gibt die chinesische Dichtung sogar den entscheidenden Hinweis zur Lösung eines Falls. Das Hauptaugenmerk bei den Zitaten liegt auf Gedichten aus den „klassischen“ chinesischen Epochen, weit vor dem Einfluss der kommunistischen Partei.

Insgesamt ergibt diese Mischung aus politischer Aktualität, kulturhistorischen Exkursen und dem großen Anteil kulinarischer und poetischer Einschübe einen Mix, der LeserInnen trotz einiger Längen doch zumindest einen ersten Eindruck der chinesischen Krimiliteratur gibt. Auch wenn der Autor inzwischen schon lange in den Vereinigten Staaten lebt, ist die Realität, die er in seinen Romanen beschreibt sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen. Interessant ist vor allem die Verlagerung der Handlung aus dem Polizeirevier und öffentlichen Raum hinein in die Hinterräume der Restaurants und Bars in Shanghai.


Qiu Xialong: The Detective Inspector Chen Series. 
Auf Englisch bisher erschienen: Death of a Red Heroine, A Loyal Character Dancer, When Red is Black, A Tale of Two Cities, Red Mandarin Dress, The Mao Case, Don’t Cry Tai Lake, Enigma of China, Shanghai Redemption.
Auf Deutsch bisher erschienen: Tod einer roten Heldin, Die Frau mit dem roten Herzen, Schwarz auf Rot, Rote Ratten, Blut und rote Seide, Tödliches Wasser, 99 Särge, Schakale in Shanghai – alle bei Zsolnay

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