Chimamanda Ngozi Adichie – Half of a yellow Sun

„Half of a Yellow Sun“ ist das erste Buch 2016, mit dem ich meine guten Vorsätze erfüllen will.

Ganz im Sinne der diesjährigen Vorsätze, hier nachzulesen, habe ich das Lesejahr 2016 mit einem Roman einer Schriftstellerin aus Nigeria eröffnet. Nicht nur national, auch international ist der Name Chimamanda Ngozi Adichie wohl nicht unbekannt – für mich allerdings dann schon. Ganz ohne Vorwissen bin ich an die Lektüre ihres Romans „Half of a Yellow Sun“ herangegangen und mir haben sich auf diese Weise neue Horizonte eröffnet. Ich habe schon sehr lange nicht mehr so intensiv Referenzen studiert, wie beim Lesen hier.

Ich möchte an dieser Stelle kurz eine kleine Anekdote einschieben, um zu illustrieren, was mich dazu bewegt hat, den Roman zu lesen (und auch zu meinen Vorsätzen in diesem Jahr):
Als ich 2012 in Riga war, um dort ein ERASMUS-Semester zu verbringen, habe ich mich auch für ein Projekt angemeldet, in welchem sich Tandempartner zum Lettischlernen finden konnten. Auf der ersten Veranstaltung wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, sich vorzustellen und ein Klischee zu benennen, das über ihr Land immer wieder erzählt wird. Nach einer Reihe von Schwedinnen (blond), Norwegerinnen (alle fahren Ski) und Russinnen (Wodka und Kalaschnikovs) stand ein junger Mann auf, dessen Name ich vergessen habe. Was ich dagegen nicht vergessen habe, ist das Klischee, das er benannte. Sinngemäß sagte er: „Über Ghana gibt es keine Klischees, denn die Europäer kennen nur Afrika. Aber Afrika ist kein Land.“

Das hat natürlich gesessen, denn auch die Anwesenden konnten sich dieser Sache nicht ganz entziehen, obwohl sie doch alle zur privilegierten Bildungsschicht gehörten und es eigentlich hätten besser wissen müssen. Die Realität aber ist noch immer, dass wir als EuropäerInnen einem ganzen Kontinent mit enormer Ignoranz in Bezug auf seine Geschichten, Länder, Kulturen und Eigenheiten gegenüberstehen. Unser Wissen reicht vielleicht noch bis nach Ägypten und zu den Maghrebstaaten, dahinter aber liegt eine terra incognita. Fragt man Menschen, wohin sie gern reisen würden, wenn sie nach Afrika fliegen dürfen, ist das zumeist Südafrika. Dazwischen – eher nichts.*

Diese riesige Bildungslücke beginne ich nun mit Chimamanda Ngozi Adichies „Half of a Yellow Sun“ zu stopfen. Mit Wikipedia und Google Scholar im Anschlag liest der Roman noch interessanter als er es ohne schon tut. Aus verschiedenen Perspektiven: der schwarzen Wissenschaftlerin Olanna, dem Hausdiener Ugwu und dem britischen Schriftsteller Richard wird vom Biafra-Krieg im Nigeria der 1960er Jahre erzählt. Alle Figuren stehen auf der Seite eines unabhängigen Biafra, das sich von Nigeria abspalten will. Die Handlung des Romans umspannt einen Zeitraum mehrerer Jahre, sie beginnt schon vor dem Kriegsausbruch.

Spannend ist die Verteilung und die Gestaltung sowohl der Erzählstimmen als auch die Erzählreihenfolge der Ereignisse. Mit Olannas haben wir eine starke weibliche Stimme. Ihre Sicht erzählt vom Tod der Familie, der Ermordung der Schwester und dem Verfall des eigenen Ehemannes Odenigbo im Angesicht von Kriegsverlusten und Hungersnot.

Daneben werden Ereignisse aus der Sicht von Richard geschildert, einem britischen Staatsbürger, der sich mit der Kunst der Igbo beschäftigt und der Liebhaber von Olannas Schwester Kainene wird. Richard empfindet sich durch seinen Versuch der Annäherung an die Kultur der Igbo nicht als weißen Briten und damit Teil der Kolonialmacht, die das Land 1960 verlassen hat. Für ihn bedeutet die Sezession Biafras auch einen Neuanfang. Er beginnt, sich als Bürger Biafras zu identifizieren, wo ihm die Identität des Nigerianers verweigert wurde. Streckenweise wird diese Kulturanverwandlung sehr anstrengend, nämlich immer dann, wenn die durchsetzungsfähige Kainene den Idealisten Richard bloßstellt und ihm zeigt, dass man Weißsein nicht einfach ablegen kann – seine Uneinsichtigkeit, die hier leider nicht weitergehend hinterfragt wird, fällt ihm in solchen Momenten auf die Füße. Einerseits will Richard ein Bürger Biafras sein, andererseits ist ihm seine privilegierte Hautfarbe nützlich.

Die für mich stärkste Erzählstimme ist jedoch Ugwu. Mit 13 Jahren kommt er in den Haushalt des Professors Odenigbo, wo er fortan als Houseboy arbeitet und vom Hausherrn stark gefördert wird. Ugwu lernt Fremdsprachen, Geographie, Geschichte und Politik und dennoch bewahrt er sich die Unschuld eines Jungen, der noch immer seiner jugendlichen Naivität anhängt. Den Krieg durchlebt er als Jugendlicher nicht zusammen mit seinen Familienmitgliedern, sondern als Teil der Familie um Olanna und Odenigbo, denen er auf der Flucht vor der nigerianischen Armee folgt. Unglückliche Umstände und fehlende Vorsicht führen dazu, dass auch Ugwu von Soldaten aufgegriffen und zwangsrekrutiert wird. Seine Erlebnisse an der Front schildert der Roman in deutlichen Worten und unterschlägt auch nicht, was Krieg aus einem sonst friedfertigen Menschen machen kann. In der Folge schämen wir uns als Leserinnen und Leser mit diesem jungen Mann, der vieles gegen seinen Willen getan hat und nun mit einer Schuld leben muss, die sich auch weiterhin durch sein Leben zieht.

Gut gelungen ist auch die Erzählreihenfolge, die zwischen den Ereignissen vor dem Krieg, welche relevant für die Beziehungsmuster zwischen den Figuren sind, und einer Zeitspanne mitten im Krieg bis hin zu seinem Ende hin- und herspringen. Adichie präsentiert Erlebnisse einzelner Figuren als Wendepunkte der Geschichte — diese sind sowohl politischer als auch ganz persönlicher Natur und lassen uns Leserinnen immer wieder neue Seiten an den Figuren erfahren, die wir bis dahin nicht gesehen haben. Insgesamt ist „Half of a Yellow Sun“ ein gelungenes Leseereignis, ganz besonders für uns, die die Länder eines ganzen Kontinents nur mit dessen Namen kennen: Afrika.

*Natürlich gibt es Menschen, die auch hier differenziert gebildet sind. Aber eine Mehrheit stellen sie nicht dar, möchte ich behaupten.

 Bild: Ansicht der Stadt Enugu – By Martin Kudr (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein Gedanke zu „Chimamanda Ngozi Adichie – Half of a yellow Sun“

  1. Ich hab „Americanha“ von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen und war sehr beeindruckt davon. „Half of a yellow sun“ steht noch auf meiner Leseliste, klingt aber ähnlich vielversprechend. Tolle Frau, tolle Texte. LG, Stephanie

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