10 Fragen zu Büchern

Birgit von sätze&schätze stellt 10 knifflige Fragen zur eigenen Lektüregeschichte. Ich grabe in meinem Gedächtnis und treffe viele Bekannte.

Es gibt Blogs, die ich sehr schätze, weil dort kluge Menschen sehr schlau über Dinge schreiben, von denen sie etwas verstehen. sätze&schätze ist einer dieser Blogs und deshalb freue ich mich, von Birgit zum Nachdenken über die eigene Lektüregeschichte angestachelt zu werden, in dem sie 10 Fragen zu Büchern stellt.

Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Ich habe das große Glück von meinen Eltern und anderen Familienteilen schon sehr früh mit Büchern bekannt gemacht worden zu sein. Ich habe gelesen, seitdem ich die Buchstaben kannte. Leider aber sind meine Erinnerungen an die wirklich frühe Kindheit ziemlich trübe, so dass ich mich hier darauf beschränken möchte zwei Bücher zu nennen, die mir bis heute hoch und heilig sind: Elizabeth Shaws  „Die Schildkröte hat Geburtstag“ und Hans Falladas „Geschichten aus der Murkelei“.

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Bei vielen anderen stehen jetzt hier Namen wie Hesse, Frisch, Kästner oder Mann. Ich kann leider mit keinem von diesen dienen. Hesse fand ich doof, Frisch langweilig, Kästner war für mich nur Kinderbuchautor und Mann — ganz ehrlich, wer 14 ist und Thomas Mann total toll findet, kann irgendwie nicht ganz normal sein (no offense!). Stattdessen habe ich amerikanische Autoren gelesen und vom wilden Leben geträumt: T. C. Boyle, Charles Bukowski, Hunter S. Thompson, Irvine Welsh. „Der Mann mit der Ledertasche“, „Trainspotting“ und „Angst und Schrecken in Las Vegas“ sind die Bücher meiner Jugend.

Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Einerseits war das Jean-Paul Sartres „Das Spiel ist aus“, andererseits war meine erste eigenständige Berührung mit der englischen Literatur: Anthony Burgess‘ „Clockwork Orange“, ein wahrhaft ungeeigneter Einstieg. Ich hatte zwar die rote Reclam-Ausgabe mit Hilfsvokabular, aber Himmel, ich habe nichts verstanden. Trotzdem hat mich diese Lektüre so frustriert, dass ich es direkt mit einem anderen englischen Buch versucht habe („To Kill a Mockingbird“) und siehe da — das ging gleich viel besser.

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

Abgesehen von den Romanen und Erzählungen, die ich im Studium teilweise oder ganz übersetzt habe, war es wahrscheinlich „Brave New World“ von Aldous Huxley. Aus unbekannten Gründen kommt dieses Buch immer wieder auf. Erst vor einigen Jahren habe ich meine deutsche Übersetzung entsorgt, nachdem ich festgestellt habe, wie sehr sie den Originaltext gezähmt und abgemildert hat. Huxley liest sich wie ein Groschenroman — zack und schon ist man wieder durch. Und es macht einfach sehr viel Spaß.

Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

Ich habe nicht DAS eine Buch, das mich schon mein Leben lang begleitet und mir am wichtigsten ist. Wenn wir von Büchern ganz im materiellen Sinne sprechen, habe ich eine Gesamtausgabe der Werke Bertholt Brechts, die mir wichtig ist, weil sie mir von einem bestimmten Menschen geschenkt wurde. Die Ausgabe gehörte vorher seiner Großmutter und die Bedingung der Schenkung war, dass ich sie nicht verkaufe oder wegwerfe. Ich halte mich natürlich an beides.

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Ich habe vor jedem Buch Respekt, denn da hat sich ein Mensch hingesetzt und eine Geschichte aus seinem Kopf auf das Papier gezaubert — nur mit Worten, also einem Medium, das uns sehr viel Interpretation abverlangt. Bammel habe ich vor Büchern nur selten (siehe weiter unten).

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Ich will jetzt nicht auf den üblichen Verdächtigen der Bestsellerlisten herumreiten. Ich denke, da steht außer Frage, dass Popularität nicht immer ein Indikator für inhaltliche Qualität (Ich schaue Sie an, Herr Coelho!) ist. Aber auch unter den „Meisterwerken der Klassiker“ finde ich einige, die persönlich für völlig überschätzt halte, allen voran vielleicht Hermann Hesses „Siddharta“.

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

Auf meiner Treppe liegen noch immer ca. 30 ungelesene Bücher von Autorinnen und Autoren aus allen Ecken der Welt. Ganz oben auf der Wunschliste stehen Marie NDiayes „Drei starke Frauen“, das von drei afrikanischen Frauen zwischen Heimat und Europa erzählt, und J. G. Ballards „High Rise“, in dem der Autor ein Hochhaus zum Schauplatz des Verfalls einer geschlossenen Gesellschaft macht. Auch Gogols „Die toten Seelen“ liegt leider noch halb gelesen dort. Ab Weihnachten darf ich dann endlich zugreifen.

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Diese Frage ist ein wenig ambivalent. Ich weiß, dass in meinem Bücherregal noch immer  „The Infinite Jest“ von David Foster Wallace lauert, das mir einfach aufgrund seines Umfangs und seiner Komplexität Angst macht — weshalb ich es bisher noch nicht gelesen habe.

Beim Lesen in einen Angstzustand verfallen bin ich in meinem Leben nur zweimal. Das erste Mal ist es mir mit Stephen Kings „The Stand“ passiert, was sicherlich daran liegt, dass ich schon als Kind eine tiefgreifende Furcht vor apokalyptischen Zuständen durch Krankheit hatte und noch dazu diesen Roman im sehr beeinflussbaren Alter von 15 gelesen las. In meinen frühen 20ern dagegen konnte ich Hubert Selbys „Mauern“ nicht weiterlesen — die Abgründe, die sich hier auftun sind einfach zu tief. Der Roman gilt für mich persönlich als Beispiel dafür, dass auch Literatur manchmal Grenzen bräuchte. Der Marquis de Sade ist sehr gesittet dagegen.

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Ich wünschte, ich hätte Philippe Djians „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ geschrieben. Nur Franzosen können so schön und so leicht über dysfunktionale Beziehungen schreiben.

3 Gedanken zu „10 Fragen zu Büchern“

  1. Liebe Lola,
    erst einmal danke für den netten Vorspann…das liest sich so gut!
    Toll finde ich Deine Interpretation zur Respekt-Frage – das ist schön. Weil ich mir öfter auch denke, wenn einzelne Bücher „niedergemacht“ und zerrissen werden: Egal, wie schlecht ich es finde, jemand hat da viel Lebenszeit beim Schreiben verbracht und viel reingesteckt (naja, gut, manche schreiben natürlich auch Fließband-Literatur, die sich gut verkauft, aber dennoch…)
    In Deinen Antworten steckt einiges drin, worin ich mich wiederfinde – eine Coelho-Einschätzung, die ich teile, Stephen King als Meister seines Fachs, weil er wirklich Angst machen kann mit seinen Büchern („ES) – und einige andere Bemerkungen: Die toten Seelen ist grandios, Unendlicher Spaß war für mich leider nicht das richtige und ein großes JA! zu Deinen Bemerkungen zu Betty Blue.

    Nur bei Hesse ticken wir anders – aber der gehört glaube ich einfach zum Kanon derer, die so in den 70er, 80er-Jahren erwachsen wurden…

    1. Ich glaube, Hesse gehörte auch zu denen, die noch etwas früher erwachsen wurden. Aber für mich ist er einfach nichts. Die FAS übrigens nannte Coelhos Romane in der letzten Woche „Poesiealbumliteratur“. Das ist, glaube ich, für mich die treffendste Beschreibung bisher. Ich weiß einfach nicht, warum Leute das lesen.

  2. Bei Hesse bin ich immer unentschlossen, Unterm Rad und Der Steppenwolf haben mir damals (das ist aber mindestens zehn Jahre her) beim Lesen sehr gut gefallen, ich bin aber auch nicht sicher, inwiefern das heute noch der Fall wäre.
    Siddhartha und Demian waren mir dann aber zu viel… zu viel von allem, danach habe ich nie wieder was von Hesse gelesen, es aber doch immer mal wieder vorgehabt.

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