Junichiro Tanizaki – The Makioka Sisters

Die Geschichte um die vier Schwestern wird in Japan als Meisterwerk der Romangattung angesehen. Verdient.

Japan, 1938 — der 2. Weltkrieg kündigt sich langsam in Europa an und auch das alte Kaiserreich Japan steht vor großen Veränderungen in diesem so unruhigen 20. Jahrhundert. Ashiya und Osaka sind die Kulissen vor denen die Familiengeschichte der alten Kaufmannsfamilie Makioka erzählt wird. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die vier Schwestern Tsuruko, Sachiko, Yukiko und Taeko. Der Reichtum der Familie, geführt vom Familienoberhaupt Tatsuo ist in den Jahren nach dem Tod des Vaters der vier Schwestern weniger geworden und damit auch die Möglichkeiten, die beiden jüngsten Schwestern Yukiko und Taeko vorteilhaft zu verheiraten. Tanizaki konzentriert sich im Verlauf der Handlung besonders auf diese beiden Schwestern, deren Charaktere und Lebensvorstellungen kaum unterschiedlicher sein können.

Yukiko, ganz nach den traditionellen Mustern erzogen, erfüllt alle Anforderungen, die potentielle Ehemänner an eine japanische Frau stellen könnten. Nie würde sie sich so selbstbewußt außerhalb der eigenen Familienumgebung bewegen wie ihre jüngere Schwester. Scheinbar vollkommen passiv überlässt sie es ihren Schwestern und Tasuo passende Heiratskandidaten auszuwählen und eine Miai, also die Begegnung der potentiellen Ehepartner in einer offiziellen Umgebung, vorzubereiten. Mit übe 20 ist Yukiko einem großen Druck ausgesetzt, endlich erfolgreich verheiratet zu werden.

Immer wieder wird über Vermittlerinnen versucht, eine Ehe anzubahnen und immer wieder scheitert das Vorhaben am Festhalten von althergebrachten Ritualen und Vorbereitungen. Einerseits ist Yukiko durch ihr Verhalten selbst dafür verantwortlich; so verhindert beispielsweise ihre Unfähigkeit, ein Telefongespräch zu führen ein Treffen mit einem potentiellen Kandidaten. Andererseits entzünden sich die Konflike im Roman auch am Standesdenken der gesamten Makioka-Familie, die die Augen vor der Tatsache verschließt, dass ihr Name nicht mehr so viel Ansehen hat wie in der Vergangenheit.

Der zentralen Figur Yukiko steht ihre jüngere Schwester Taeko gegenüber, die eine moderne Frau ist. Im Gegensatz zu Yukiko präferiert Taeko westliche Kleidung und pflegt einen recht eigenständigen Lebensstil, der nicht immer auf Wohlgefallen insbesondere bei Tatsuo stößt. Dazu kommt, dass Taeko in ihrer Jugend mit dem reichen Juwelierssohn Okubata ein kurzes Verhältnis eingegangen ist, dass auch dem Ansehen ihrer Schwester Yukiko Schaden zugefügt hat.

Edward Seidensticker, der den Roman ins Englische übersetzt hat, fand leider keine Möglichkeit den sehr programmatischen Originaltitel zu übertragen. Im Japanischen heißt das Buch Sasameyuki („leichter Schnee“) – eine Metapher für die fallenden Kirschblüten im Frühling. Dieses Bild ist eines der bekanntesten der japanischen Kultur. Im Fallen der Blüten zeigt sich die Vergänglichkeit. Ohne Früchte zu tragen verlieren die Bäume die Blüten, die für kurze Zeit vollkommene Schönheit repräsentieren. Hanami heißt die Tradition des Betrachtens der blühenden Bäume und dieses jährliche Ritual ist auch für die drei Schwestern Sachiko, Yukiko und Taeko von besonderer Bedeutung. Vor allem für Sachiko ist der jährliche Ausflug von einem Gefühl der Wehmut geprägt, erinnert die Kirschblüte sie doch immer daran, dass es der letzte Ausflug dieser Art sein kann. Im nächsten Jahr, so die Hoffnung, werden die Schwestern verheiratet sein und an anderen Orten leben. Das aber hängt von Yukiko ab, denn in der strengen Regelwelt der Familie muss sie zuerst heiraten, bevor es Taeko überhaupt gestattet werden kann.

Und so sieht es für Taeko schlecht aus. Ihre Zeit verbringt sie mit der Herstellung von Puppen zu, die sie erfolgreich bei Ausstellungen verkauft und sich so ein Einkommen sichert. Später erlernt sie auch das Nähen. Natürlich sind Taekos Einkommensquellen ein Anlass für Diskussionen: Für ein Mitglied dieser wohlhabenden Familie ist Erwerbstätigkeit, zu mal die einer Frau, nicht gern gesehen. Die künstlerische Arbeit jedoch kann noch toleriert werden — ähnlich wie es auch für europäische Frauen lange Zeit galt — denn sie wird von Familienoberhaupt Tatsuo noch als das Ausleben eines Hobbys gesehen.

Mit diesen Charakteren formt Tanizaki lebendige Figuren anhand derer er ein komplexes und enorm detailliertes Bild der Zeit zwischen 1938 und 1941 zeichnet. Japan befindet sich im Umbruch, alte Werte erfahren eine Bedeutungsverschiebung oder gar Abwertung. Tanizakis Stärke liegt vor allem darin, die großen Ereignisse der globalen Geschichtsschreibung nur als Randnotizen im Mikrokosmos dieser komplizierten Familie zu thematisieren. Stattdessen konzentriert sich die Handlung auf die vielgestaltigen Beziehungen der Familienmitglieder zueinander; sie erzählt im Detail von den Dingen des Alltags ebenso wie von den wichtigen Ereignissen mit Vermittlern und Heiratskandidaten. Vor den Augen der Leserinnen erscheint die ganze Welt dieser Familie plastisch und greifbar. Tanizakis Figuren sind keine Schablonen, sondern Individuen, die mit viel Sorgfalt geschildert werden.

Für europäische Leserinnen eröffnet der Roman den Zugang zu einer Welt, die zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Die Handlung des Romans schreitet nur sehr langsam voran und auch die vielen Verhaltensnormen der japanischen Kultur und die für uns so kompliziert erscheinenden Rituale der zwischenmenschlichen Begegnungen verlangen oft nach anderweitigen Informationsquellen. Kleinere Erläuterungen japanischer Bezeichnungen wurden vom Übersetzer bereits hinzugefügt, das Wissen über die metaphorische Bedeutung des Hanami beispielsweise jedoch vorausgesetzt.

Junichiro Tanizaki gibt in seinem Roman kein Urteil über das Richtig und Falsch des Erzählten ab. Taekos moderne Lebensweise wird ebenso wenig verurteilt, wie die traditionellen Praktiken zur Anbahnung einer Ehe. „The Makioka Sisters“ wirkt vielmehr wie ein großes Schaubild aus einer anderen Zeit. Der erste Teil des Romans wurde in Japan eine Zeit lang als „kulturell nicht wünschenswert“ verboten, heute jedoch wird Junichiro Tanizakis Werk als ein Meisterwerk der Romangattung angesehen. Es lohnt sich, den europäisch zentrierten Blick in den Hintergrund zu stellen und ihn vorbehaltlos und so objektiv wie vom Autor geschrieben zu lesen und sich so auf eine Handlung einzulassen, die uns sowohl in Inhalt als auch überbordender Detailverliebtheit fremd erscheinen mag.

Titelbild: Kirschblüten in Kobe via wikipedia.

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