Kyun Soo-Shin: Please look after Mother.

In Korea war dieser Roman ein Bestseller. Es ist das erste Buch der Schriftstellerin, das auf Englisch erschienen ist.

„It’s been one week since mother went missing.“ ist der erste Satz des Romans. Das Ereignis, das die gesamte folgende Handlung auslöst, wird hier in wenigen, einfachen Worten gesetzt, ohne näher darauf einzugehen, warum Mutter verschwunden ist, ob jemand sie entführt hat, wo sie verschwand oder welche Maßnahmen ergriffen worden sind, um sie wieder zu finden.Wir LeserInnen werden durch das Verschwinden einer zentralen Figur dieses Romans mitten hinein geworfen in diese koreanische Familie, bestehend aus einem Ehemann, 4 Kindern und der verschwundenen Park Son-Yo. Wie sich schnell herausstellt, war Son-Yo mit ihrem Ehemann nach Seoul gekommen, um ihre Kinder zu besuchen. Auf einem U-Bahnhof war sie nicht schnell genug und schaffte es nicht, in die U-Bahn einzusteigen, in die ihr Mann schon vorgegangen war. Sie blieb auf dem Bahnsteig zurück und wird seitdem vermisst. Son-Yo ist 69 Jahre alt.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum so ein einfaches Malheur dazu führt, dass die eigene Mutter seit einer Woche vermisst wird, wie im Roman zu Beginn festgestellt wird. Der Roman erzählt aus verschiedenen Perspektiven vom Leben Song-Yos und mit jedem Kapitel stellt sich mehr und mehr die Frage, ob überhaupt jemand aus der Familie diese Frau wirklich gekannt hat. Der Roman spielt mit der eingeschränkten Wahrnehmung, die wir von anderen Menschen haben. Dass unsere Mütter auch mal junge Frauen waren, Liebschaften hatten (oder haben), dass sie mehr sind als eben nur unsere Mütter, darüber denken wir häufig gar nicht viel nach. Denn für uns sind sie eben unsere Mütter, die sich um uns gekümmert haben, die uns Werte beigebracht haben und denen wir entwachsen zu sein glauben.

Für europäische LeserInnen kommt dazu noch der Aspekt des Fremden, denn das koreanische Verständnis von Familie, von Liebe und auch davon, was man seinen Eltern schuldet, ist weit entfernt von westlichen Ansichten. Auf den ersten Blick erscheint Son-Yo aus unserem Blickwinkel wenig Einfluss auf ihr eigenes Leben zu haben. Sie wird verheiratet, sie bekommt Kinder. Aber mit jedem Geheimnis und jeder Erinnerung entdecken wir lesend mehr und mehr Dimensionen ihres Charakters, unter anderem auch die der Liebhaberin und die Ehefrau, die sich nicht scheut, ihren untreuen Ehemann aus seinem eigenen Haus zu werfen. Allerdings kippt das Bild dieser Frau irgendwann im Verlauf der Erzählung vom Realistischen in eine schon fast religiöse Überhöhung, die sich schließlich im Bild der Pietà Michelangelos niederschlägt. Am Ende steht Son-Yos Tochter in Rom vor ebendieser Skulptur und erkennt den Wert, den ihre Mutter für sie hat. Die Tochter betet zu Gott, sich um ihre verlorene Mutter zu kümmern.

So kitschig und ein wenig unnötig dieses Ende auch ist, ist der Roman doch ernorm leicht lesbar und auch für Europäer in guter Einstieg in koreanische Literatur. Die englische Übersetzung scheint gar nicht schlecht zu sein, wenn man den koreanischen Quellen glauben darf. Spannend wird die Geschichte von Son-Yos Leben vor allem durch die Vielstimmigkeit der Erzählung, den jede Erzählerfigur trägt ein weiteres Puzzlestück zum Gesamtbild bei. Auch Son-Yo selbst bekommt im Roman eine Stimme und es wird deutlich, dass es kein Wiedersehen, keine Besserungsbeteuerungen geben wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.