Höhtker: Das Jahr der Frauen

Kindle and a cup of coffee on a table

Der Kommunikationsexperte Frank Stremmer, tätig für eine internationale Organisation in Genf unter der Leitung des legendären Chairman Gonzales, schließt mit seinem Psychotherapeuten Dr. Yves Niederegger eine Wette ab. Niederegger will gar nicht wetten, kann der Erpressung durch seinen Patienten nicht entkommen: Stemmer setzt sein Leben als Einsatz. Am Ende des Jahres, so teilt er mit, werde er sich selbst töten, wenn es ihm nicht gelingen sollte, 12 Frauen – eine in jedem Monat – „verbraucht“ zu haben.

Das ist die Ausgangssituation für Höhtkers Roman „Das Jahr der Frauen“. In der Folge begleiten wir als Leserinnen den Protagonisten Frank Stremmer durch ein ganzes Jahr, in dem wir lernen, was für ein Mensch er ist. Der Text ist eine Collage aus Ich-Erzählung, E-Mails, Ausschnitten aus der noch immer nicht fertig gestellten Kurzgeschichte des Protagonisten, aus dahingeworfenen Portraits der vorüberziehenden Menschen und Erinnerungen an einen drogendurchseuchten Aufenthalt in Japan mit der einzigen Frau, die Stremmer wohl etwas bedeutet haben mag. Auf der Folie eines Jahresablaufs entsteht das Psychogramm eines einsamen Mannes, dessen Leere sich zunehmend verbreitet und am Ende eine Überraschung bereit hält. „Das Jahr der Frauen“ ist der dritte Roman in einer Trilogie um Frank Stremmer, es ist jedoch nicht notwendig, alle gelesen zu haben.

Zynisch und boshaft

Eine großartige Leistung des Autors ist es, dass sein Protagonist bei aller Selbstverliebtheit, all dem Weltekel und der nicht gerade feministisch einwandfreien Behandlung weiblicher Figuren nicht unsympathisch daher kommt. Frank Stremmer bewegt sich durch seinen Arbeitsalltag mit einer Haltung, die deutlich werden lässt, dass er sich sehr bewusst darüber ist, wie sinnlos seine Tätigkeit ist. Zusammen mit seinem schwedischen Kollegen soll er eine halb autobiografische, halb fiktionale Biographie des Chairman Gonzales-Blanco verfassen, in der dieser wie ein weiser Halbgott daher kommt und zur Rettung der Welt beiträgt. So leicht ihm diese Aufgabe fällt, umso mehr verzweifelt er an seiner Rolle als Autor einer fiktiven Kurzgeschichte zum Thema Zwiebel. Stremmers literarische Versuche tauchen immer wieder auf, wenn er ungefragt Kollegen oder Bekannte an seinen Ergüssen teilhaben lässt.

Auch Stremmers Privatleben ist von dieser Leere geprägt. Freunde hat er keine, seine engste soziale Bindung scheint jene zu seinem Therapeuten zu sein und auch seine Kollegen sind nur Zeitvertreib – sie sind ihm egal und, so meint er, er sei es ihnen auch. Dieses Aussteigen des Protagonisten aus der Gesellschaft führt dazu, dass viele Anteile der Kommunikation zwischen den Akteuren nur noch halb verstanden wird und oft lediglich an der Oberfläche kratzt.

Kein Roman für Konformisten

Höhtkers Roman macht Spass, auch vor allem deshalb, weil Stremmer kein per se positiver und sympatischer Protagonist ist. Seine Sprechweise erinnert an Kracht, sein Welthass ebenfalls. Er ist zynisch und boshaft, hat für seine Umwelt wenig liebevolle Worte übrig und auch die Frauen, die ihm in den 12 Monaten begegnen bleiben schemenhaft. Aber Stremmer ist kein durchweg erfolgreicher Frauenheld, auch wenn er sich selbst als gutaussehend deklariert.

Der Roman endet in einem Vorort von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik in einem actiongeladenen Finale. Für mich war das Lesen dieses Romans eine erfrischende Erfahrung, vielleicht gerade aufgrund des eher ungewöhnlichen Stils und dem Fehlen der political correctness.

 

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