Ismael Kadare – Der zerissene April

Aus Albanien kommt dieser Schriftsteller, dessen Roman Der zerrissene April eine Gesellschaft zeigt, die wir uns als deutsche Leser nur schwer als Teil des modernen Europas denken können. Dass die Blutrache auch in Europa noch im 20. Jahrhundert existiert hat, dringt nicht einfach in unserer Bewusstsein. Gerade deswegen lohnt es sich, diesen Roman zu lesen, der durch seine klare Sprache und seine wenig romantischen Darstellungen besticht.

 Gjorg Berisha tötet auf der Straße vor seinem Dorf einen Menschen und erfüllt so seine Aufgabe: Er rächt das Blut seines Bruders. Die Blutfehde zwischen den Familien ist lang und hat schon viele Leben gekostet. Jetzt bleiben Gjorg noch 30 Tage, in denen er sich frei bewegen kann, bevor auch er ein Opfer der Rache werden kann. Gleichzeitig reist der Schriftsteller Berisan Vorpsi mit seiner Frau Diana durch das albanische Hochland, auf der Suche nach den Traditionen der Hochländer. Schon bald erkennt er, dass nicht alles so romantisch ist, wie er sich das vorgestellt hatte und auch seine Ehe steht plötzlich auf dem Spiel.

 Der Kanun, das albanische Gewohnheitsrecht, bildet die Grundlage für die Blutrache in Albanien. Während der Sowjetzeit war sie verboten und der Einfluss des Staates groß genug, um diese Regelung auch durchzusetzen. Aber mit dem Beginn der 1990er Jahre und dem Ende der Sowjetunion tauchte sie wieder auf und wird auch heute noch gepflegt. Wie ein Wirtschaftssystem funktionieren die Regeln des Kanun: Ein Blut sind zwei Verletzungen, ein Leben kann durch ein anderes gerächt werden. Es gibt strenge Regeln, wann und wo getötet werden darf. Man kann darüber streiten, ob dieses System zu mehr oder zu weniger Rachetaten führt. Letztlich aber bleiben die Toten auf beiden Seiten, die gegeneinander aufgerechnet werden in einer blutigen Bilanz.

Ismail Kadares Der zerrissene April beginnt mit einem Mord und endet auch mit einem. Dazwischen erzählt er die Geschichte von Gjorg, der die Blutsteuer entrichten muss und dessen freies Leben endet, sobald das Ehrenwort ausläuft. Und die Geschichte des Ehepaars Vorpsi aus Tirana, die ihre Hochzeitsreise durch das albanische Hochland führt. Die fremde Welt der Hochländer und die Konfrontation mit den Traditionen der Menschen hinterlassen ihre Spuren vor allem bei Besians Ehefrau Diana. Und auch Gjorgs Leben wird verändert in dem Moment, in dem er der Kutsche mit den beiden begegnet und auf Diana trifft. Aber jedes Hoffen, dass man als Leser verspüren könnte, jedes Wünschen, dass sich das Leben von Gjorg noch „zum Guten“ wenden würde, ist vergeblich. Was für uns vielleicht als archaische und zuweilen auch unsinnige Tradition erscheint, ist im Hochland Albaniens in Der zerrissene April für die Einwohner Wirklichkeit und ein System, dass nicht in Frage gestellt wird. Und so bleibt man als Leser am Ende grübelnd zurück, kehrt verändert aus dieser Erzählung zurück – so wie der Schriftsteller Vorpsi verändert von seiner Reise in das Hochland zurückkehrt.

 Kadares Sprache ist fantastisch – karg und schroff wie das Hochland, das er beschreibt. In jedem Kapitel findet sich Hoffen neben Verzweiflung, alles überdeckt von einem Ahnen des sicheren Todes am Ende der Reise.

*Bild: „LockInTower“ von User:Doron – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LockInTower.jpg#/media/File:LockInTower.jpg

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