Von Farben und Meer: Das Herz auf der Haut

Für die einen sind sie „stylische Accessoires“ für die anderen der „Quastenflosser unter den Kulturtechniken“. Für den mareverlag sind Tätowierungen ein guter Grund, eine tolle Anthologie herauszubringen.

Den mareverlag schätze ich persönlich sehr. Eigentlich schätze ich alles sehr, was mit dem Meer zu tun hat. Also eben auch den mare Verlag, weil der nämlich ein Programm hat, in dem das Meer eine wichtige Rolle spielt. Ich mag übrigens auch Tattoos, hab ja selbst das ein oder andere. Und Meer und Tattoos, das geht gut zusammen. Deswegen hat der mare Verlag eine Anthologie daraus gemacht und Clemens Meyer (selbst ziemlich tätowiert) gebeten, ein Vorwort zu schreiben. Das endete dann damit, dass ich dieses Buch kaufen musste und es mich sehr glücklich gemacht hat.

Während das Schreiben kulturgeschichtlich schon sehr, sehr lange eine würdevolle und anerkannte Kunstform ist, bleibt die Kulturgeschichte der Tätowierung noch immer irgendwie schmuddelig und halbseiden. Tattoos waren was für „Wilde“ oder Seemänner, meinetwegen auch Kriminelle, aber bitte nicht für anständige Menschen. So jedenfalls die bekannte Meinung. Aber kann das denn eine so schlechte Praktik sein, wenn sogar der Gott der deutschen Dichtung, Goethe höchstpersönlich, eine tätowierte Figur auftreten lässt, die von kriminell ganz weit entfernt ist?

Seitdem ich Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ gelesen habe, wollte ich so eine Anthologie wie „Herz auf der Haut“ haben, denn irgendwie war ich mir sicher, dass Goethe nicht der Einzige ist, bei dem es tätowierte Menschen gibt. Und so ist es ja auch: Im Inhaltsverzeichnis stehen viele Namen, die bekannt sind. Viele davon kommen aus dem Ausland, mit Junichiro Tanizaki ist auch ein Japaner dabei, der sich mit Tätowierungen bestens auskennt. Da ist die Körperverschönerung nämlich eine anerkannte Praktik seit einigen Jahrhunderten und der Akt des Stechens wird auch heute noch von einigen Tätowierern regelrecht zelebriert.


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Horiyoshi I bei der Arbeit. Sein Nachfolger Horiyoshi III hat in Yokohama inzwischen ein Tattoo-Museum eröffnet.


Von all den wunderbar ausgewählten Erzählungen gefallen mir 3 am besten: Da ist zum Einen eine kleine Erzählung von Ray Bradbury, die „Der illustrierte Mann“ heißt. Der Erzähler trifft einen tätowierten Mann, dessen Bilder in der Nacht lebendig werden und auf seiner Haut ein Eigenleben führen. Wer sie anschaut, wird wahnsinnig. Die Tätowierung ist für ihn ein Fluch, der es unmöglich macht, soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Auch der Erzähler kann irgendwann nicht widerstehen, sich die Bilder genauer anzuschauen. Und den Rest verrate ich nicht. Aber ich wünschte, diese Kurzgeschichte würde sich irgendwie doch noch in einen Roman verwandeln, so spannend ist sie.

Dann gibt es eine kleine Geschichte vom russischen Krimiautor Nicolai Lilin mit dem Titel „Wenn die Haut spricht“. Lilin ist selbst gefängniserfahren und kennt die Codes der Tätowierungen russischer Gefangener sehr gut. Das Bild auf der Haut ist hier viel mehr als nur ein „stylisches Accessoire“ (O-Ton diverse Zeitschriften), es erzählt die Geschichte des Trägers. D. S. Baldajew hat übrigens unter recht abenteuerlichen Umständen eine Enzyklopädie angelegt, die all diese Motive versammelt. In Lilins Geschichte aber geht es vor allem um die Entscheidung der erzählenden Figur, ein Tätowierer zu werden. Das ist in der Umgebung von Berufskriminellen nicht einfach nur ein Job, sondern eine ernstzunehmende Aufgabe. Der Tätowierer wird zum Geschichtsschreiber – er schreibt Biographien auf die Körper der betreffenden Personen und so ist natürlich das Verhältnis von Künstler und menschlicher Leinwand ein ganz Besonderes. Nicht jeder kann zum Schreiber werden.

Zuletzt noch ein Wort über die Einleitung von Clemens Meyer. Klar, das ist eigentlich keine Erzählung, aber natürlich ist sie das irgendwie doch, denn Herr Meyer beschreibt hier den Akt des Tätowierens so exakt, dass es eine Freude ist, das zu lesen. Vom ersten Tattoo bis zum großen Rückenbild gibt uns der Autor einen kleinen Einblick in die eigene Bilderbiographie, die stellvertretend stehen kann für viele andere. Alle, die nicht tätowiert sind, können hier vielleicht nachempfinden, warum Menschen sich tätowieren lassen und warum sich der Schmerz des Tätowierens von allen anderen unterscheidet.

Und so stelle ich mich jedes Mal aufs Neue diesen Schmerzen, die sicher sehr moderat sind auf der Skala der Torturen, aber eben doch sehr speziell. Ich kann mich ihnen öffnen, sie in meinen Körper und meinen Geist einlassen, mich direkt auf sie besinnen und mit ihnen verschmelzen. Der Schmerz wird ein Teil von mir. Das ist wie eine Meditation, während deren ich mich auch mit mir und meinem Leben und meinem Unterbewussten auseinandersetze. Und die andere Möglichkeit ist der Kampf, das Rausdrängen, das Zähneknirschen, die Anspannung, der Schmerz als Feind, der bekämpft werden muss.  Zwei Wege, vielleicht ist der erste der weisere. Der Schmerz gebiert das Bild (wie die Seejungfrau, meerschaumgeboren? .. nee, zu viel Pathos) und die Bilder entstehen auch oft aus anderem, aus seelischem Schmerz und dessen Verarbeitung, so ist das alles verbunden und am Ende ist man bunt.


Farbaffäre ist ein Tattooladen hier in Dortmund-Hörde. Empfehlenswert. Zu finden in der Faßstraße 41.


Das für mich Schönste an dieser Anthologie ist wohl, dass ich nicht müde werde, da immer wieder mal hineinzuschauen. Überhaupt ist die ganze Aufmachung wieder schön geraten: Grüner Einband mit Pergamentbanderole, lila Seitenschnitt, knackige Zitate zwischen den Erzählungen, ebenfalls auf lila Grund. Der mareverlag hat es eben drauf, wenn es darum geht, Lesestoff auch noch hübsch zu verpacken. Ich gebe also meine uneingeschränkte Leseempfehlung und freue mich jetzt übrigens schon auf meine nächste Tätowierung, die am Ende diese Jahres unter die Haut kommt.


Titelbild
Utagawa Kuniyoshi: Roshi Ensei lifting a heavy beam | CC Public Domain

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