Ein Ausstellungskatalog der besonderen Art: Paul Gauguin als Schriftsteller

„Eines wollte Tehamana niemals zugeben: daß die in diesem Land häufig vorkommenden Sternschnuppen, die langsam und menlancholisch den Himmel durchqueren, keine Tupapaus sind.
Eines Tages war ich gezwungen, nach Papeete zu fahren. Ich hatte versprochen, am Abend zurückzukommen. Ein Wagen, der abends zurückkehrte, nahm mich nur den halben Weg mit: ich mußte das restliche Stück zu Fuß gehen. Es war ein Uhr früh, als ich nach Hause kam. Da es zu der Zeit nur sehr wenig Öl im Haus gab — mein Vorrat hätte erneuert werden müssen –, war die Lampe erloschen, und bei meinem Eintreten lag der Raum im Dunkeln. Ein Gefühl von Angst und besonders von Mißtrauen bemächtigte sich meiner. Sicher ist der Vogel weggeflogen. Ich zündete Streichhölzer an und erblickte auf dem Bett […] (Beschreibung des Bildes Tupapau).
Das arme Kind kam wieder zu sich, und ich gab mir alle Mühe, ihr das Vertrauen wiederzugeben. Laß mich nie wieder im Dunkeln allein! Was hast du in der Stadt gemacht — du warst bei den Frauen, die auf den Markt trinken gehen und tanzen und sich dann den Offizieren, den Matrosen und jedermann hingeben?“


Paul Gauguin, französischer Maler und Südseereisender war nebenbei auch noch Schriftsteller: „Noa Noa“ heißen seine autobiografischen Erinnerungsstücke an sein Leben auf Tahiti. Tehamana ist seine Frau, er hat sie bei einer Rundreise über die Insel kennengelernt und mitgebracht. Interessant dabei ist, dass Tehamana gerade einmal 13 Jahre alt ist — in unserer heutigen Wahrnehmung also ein Fall von Kindesmissbrauch, in Gauguins Zeit allerdings nicht ungewöhnlich: Im Gegensatz zu europäischen Frauen gelten die Ureinwohnerinnen der Südsee auch mit wenig mehr als 10 Jahren schon als erwachsen.

Hoffnungsloser Romantiker oder kalkulierender Geschäftsmann?

Dass Gauguin sich für Tahiti entschieden hat, ist nicht zufällig. Der Verkauf seiner Bilder in Frankreich läuft nur sehr schleppend und der Maler leidet unter finanziellen Engpässen. Das Leben in Frankreich ist einfach zu teuer. Und so macht sich Gauguin eine populäre gesellschaftliche Vorstellung zunutze, um aus seinem wesentlich preiswerteren Leben in der Südsee einen anderen ökonomischen Vorteil zu gewinnen: Tahiti gilt seit Bougainvilles Reisebeschreibung als La Nouvelle Cythère, als Insel der Liebenden. Die Südsee ist der feuchte Traum des Kolonialismus — ein Raum, in dem europäische Männer all das finden, was ihnen im moralisch strengen eigenen Land verwehrt bleibt, so zumindest die Vorstellung:

„In the expeditionary literature generated by Captain Cook, Wallis, Bougainville and the countless successive voyagers to the South Seas, the colonial encounter is first and foremost the encounter with the body of the Other.“ (Solomon-Godeau, 1989)

Die ultimative Annäherung stellt eine Verschmelzung mit dieser primitiven Kultur auf allen sinnlichen Ebenen dar. Gauguin versucht einen going native-Prozess, in dessen Verlauf sich seine neue Kunst entwickelt, die wir heute als innovativ und einmalig im Rahmen des Primitivismus betrachten. Er nimmt an, dass er nur außerhalb der eigenen Gesellschaft zu seinem wahren Ich, also zu einem primitiven und zivilisatorisch unberührten Ich finden kann. „Noa Noa“ kann als Supplement, als imaginärer Katalog zu den Bildern Gauguins aus der tahitianischen Phase gelesen werden. Es wird schnell deutlich, dass im Text viele fiktionale Elemente in die autobiografischen eingefügt wurden. Sie dienen einem Zweck: der Bedienung europäischer Vorstellungen des Exotischen.

„Ich muss einer von ihnen werden!“

Natürlich ist Gauguins going native nur eine Illusion. Tahiti ist schon seit langer Zeit kolonialisiert und hat seine Ursprünglichkeit verloren. Der Maler kommt also zu spät und ist vom Leben in der Hauptstadt Papeete tief enttäuscht:


„Wenn ich auch noch so niedergeschlagen bin, habe ich doch die Gewohnheit, erst aufzugeben, nachdem ich alles versucht habe, das Unmögliche, wie das Mögliche. Mein Entschluss war schnell gefasst. Papeete schnellstens verlassen, mich vom europäischen Zentrum entfernen. Ich hatte das vage Gefühl, wenn ich ganz im Busch unter den Eingeborenen von Tahiti leben würde, mit einiger Geduld ihr Misstrauen zerstreuen zu können — und daß ich wissen würde.“


Und so tauscht Gauguin Papeete gegen eine Hütte im Hinterland und seine Geliebte Titi, eine Mulattin, gegen Tehamana, das dreizehnjährige Kind aus einer tahitianischen Familie. Der weibliche Körper gerät in den Fokus des Künstlers, nicht nur als Objekt der Malerei, sondern auch als Ort, an dem er den Zugang zu einem ursprünglichen, unberührten Tahiti vermutet. Tehamana und alle anderen BewohnerInnen Tahitis wirken in Gauguins Bildern seltsam androgyn, ihnen fehlen die typisch europäischen Formen. Zurückführen lässt sich dies wiederum auch das „Primitive“ der Tahitianer, die dem Ideal des „Urmenschen“ und damit einem animalischen Äußeren näher stehen: Je tierisch, desto weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Gauguins Figuren sind eine Inversion europäischer Wertmaßstäbe; zudem steht der exotisches Körper der Anderen auch für eine freiere Sexualität, die in Opposition zur „kultivierten“ (man kann auch behaupten: unterdrückten) Sexualität der Europäer.

Die Kindsbraut Tehamana ist der Schlüssel zum Paradies

Für Gauguin ist seine Geliebte Tehamana der Zugang zu seinem imaginierten Paradies – zu einem Tahiti in seiner prä-kolonialen Ursprünglichkeit. Durch das Eindringen in den weiblichen Körper entsteht die Erfahrung dieses Ursprungszustand, der zeitweilig auf die Ebene des biblischen Paradieses gehoben wird. Tehamana verkörpert all das, was Gauguin für sich und für seine Kunst sucht: Ihre Ursprünglichkeit wird er in vielen Bildern festhalten, so unter anderem auch in Tupapau, das Tehamana auf dem Bauch liegend zeigt, im Hintergrund ein Geist der Toten (Tupapau). Dass das Bild in seiner Komposition trotz aller Ablehnung europäischer Kunstvorstellungen noch immer an Gemälde wie z. B. Manets „Olympia“ ähnelt, liegt in der Unmöglichkeit in einer kolonisierten Welt etwas vollkommen Neues zu erschaffen. Tehamanas Pose ist typisch für die weiblichen Akte der Europäischen Kunst. Erst durch die Anwesenheit des Tupapaus im Hintergrund und durch die androgyne Darstellung weiblicher Schönheit wird die Brücke zu einer imaginierten „Vorkultur“ geschlagen, in dem das tierische Element im Menschen und sein Aberglaube, der noch nicht dem rationalen westlichen Denken gewichen ist, heraufbeschworen werden. Gauguin erschafft einen Mythos, den er dann konsequenterweise in „Noa Noa“ fortschreibt.

Die Autobiografie als mythische Erzählung

Zusammen mit „Noa Noa“, dessen Stil sehr bildhaft ist, entsteht ein intermediales Werk des Künstlers Gauguin. Das Buch ist gleichzeitig die Entstehungsgeschichte und ein Kommentar zum Bild. Nicht nur Tupapau wird hier mit einem Entstehungsmythos versehen, der von fiktionalen Momenten durchsetzt ist, sondern auch viele andere Werke Gauguins. Durchbrochen wird der Text dabei von Randnotizen und Zeichnungen — und vor allem durch das Nacherzählen von tahitianischen Glaubens- und Lebensvorstellungen, gefiltert durch den europäischen Blick und eingebettet in romantische Liebessituationen zwischen dem Maler und seiner Kindsbraut.

„Nach dem Kunstwerk — Die Wahrheit, die schmutzige Wahrheit.“

Das Bild der Insel Tahitit, das „Noa Noa“ aufruft, folgt ganz einem Topos der Südseeliteratur: Alles erscheint lieblich und wundervoll, die Menschen haben keine Probleme und sie sind voller Liebe für sich und andere. Gauguin bedient hier alle Vorstellungen der weißen Europäer und verheimlicht dabei die Realität: Schon nach wenigen Jahren auf Tahiti muss er unter schlechten Bedingungen nach Frankreich zurückkehren. Der Künstler, der zu diesem Zeitpunkt schon einige Zeit an Syphilis erkrankt war, lässt Tehamana zurück und wird sie nie wiedersehen. In seinen Bildern begegnet sie den BetrachterInnen heute noch.

Für die weitere Lektüre:

Übrigens wurde Gauguins Gemälde Nafea Faa Ipoipo? im Februar diesen Jahres für 300 Mio. US-Dollar verkauft und so zum teuersten Gemälde der Welt.

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