Eine moderne Kaukasusreise: Olga Grjasnowas „Die juristische Unschärfe einer Ehe“

Grjasnowa, Roman, Cover, Romancover

Der Kaukasus ist die Sehnsuchtslandschaft der russischen Literatur. Nah genug, um noch ein wenig russisch zu sein, gleichzeitig auch fremd genug, um den Durst nach dem Exotischen und Fremden zu bedienen, das in der Romantik Gegenstand der Literatur war. Von Puschkin bis Lermontov schickten die Schriftsteller ihre Helden in den Kaukasus, um dort Abenteuer zu erleben und dabei ganz nebenbei den Zustand der russischen Gesellschaft zu entlarven. Dass diese Gebiet auch heute noch eine perfekte literarische Landschaft ist, beweist Olga Grjasnowa in ihrem neuen Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe, wenn auch die Romantik des wilden Kaukasus hier schon lange abhanden gekommen ist.

Wie auch schon in ihrem ersten Roman, Der Russe ist einer, der Birken liebt, sind die Figuren in Die juristische Unschärfe einer Ehe heimatlos und getrieben, auf der Suche nach etwas, wovon sie selbst wohl nicht wissen, was es ist. Leyla und Altay sind miteinander verheiratet. Sie liebt Frauen und er liebt Männer; die Ehe ist Zweck – so jedenfalls denkt man lange Zeit, aber dann steckt eben doch noch mehr dahinter.

Der Körper steht im Mittelpunkt. Er wird erforscht, erfühlt und betastet und ist Spiegel des Innenlebens der Figuren. Schmerz wird in ihn eingeschrieben: Leyla, die von Kindheit an getrimmt wurde, besitzt den Körper einer Ballerina, der eben nicht nur schlank und stark ist, sondern auch deformiert und missbraucht wird. Nach ihrer Verhaftung in Baku wird sie von den Wärtern misshandelt, aber auch diesen Schmerz erträgt sie nach außen gleichmütig. Leyla schweigt und auch die Menschen ihrer Umgebung verzichten darauf, zu fragen.
Ihr Gegenteil findet sie in Jounon, die gern isst, raucht, trinkt und Drogen nimmt – und damit all das tut, was sich Leyla selbst verwehrt. Jounon ist Künstlerin, geschieden von einem Mann, der sie mit Bildung nach seinem Gusto gefüttert hat. Sie verkörpert all das, was Leyla nicht ist und vielleicht ist es gerade das, was beide Frauen aneinander anzieht.

Zwischen Berlin und Dagestan spielt sich die Handlung des Romans ab, in deren Verlauf die Beziehungen zwischen den Figuren in Frage gestellt werden. Alle zweifeln an sich und an den anderen. So einige Male fragt Altay Leyla „Was willst du eigentlich?“, aber eine Antwort kann sie ihm nicht geben. Grjasnowas Figuren führen Beziehungen, die zu unverbindlich sind, um lange halten zu können. Sie scheitern an den gesellschaftlichen Voraussetzungen, am Egoismus der Charaktere oder eben auch an der großen Sprachlosigkeit, die zwischen ihnen herrscht.

Dieses Scheitern gestaltet die Autorin wiederum in einer Sprache, die wenig Worte braucht und dabei sehr viel Raum lässt für das Ungesagte. Grjasnowa beherrscht ihre Sprache und erfindet Worte, die ein Konzept auf ein Verb zusammensieden können („coelhosierende ältere Herren“). Die juristische Unschärfe einer Ehe setzt die Beschäftigung mit heimatlosen Figuren aus ihrem ersten Roman fort. Ihre Figuren agieren noch kompromissloser als im Erstlingsroman, was es nicht leicht macht, sie wirklich zu mögen. Doch gerade weil mir das als Leserin so schwer fiel, entfaltete der Roman für mich sein Potenzial.

Olga Grjasnowas Roman wurde von der Robert Bosch Stifung mit dem Förderpreis ausgezeichnet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.