Ein Roman zum Abschied: Antonia Michaelis – Der Märchenerzähler

In der letzten Woche habe ich mein Zimmer in unserer WG in Greifswald ganz leer geräumt, Decken gestrichen und geputzt und mich langsam verabschiedet. Greifswald hat sich natürlich nur von seiner besten Seite gezeigt und mir die ganze Sache nicht eben leicht gemacht. Gut, dass man Freunde hat, die einem dann Bücher in die Hand drücken und sagen: „Damit wird’s gehen.“ Und Recht behalten.


Zuallererst: Es ist sehr seltsam, wenn man in einem Roman von Orten liest, an denen man lebt. Die Figur Abel aus Michaelis Roman wohnt in der Roald-Amundsen-Straße 18 im Greifswalder Ostseeviertel und damit 3 Aufgänge neben unserer ehemaligen WG-Wohnung. Das Ostseeviertel ist auch wirklich nicht der schönste Ort in Greifswald, aber so ganz klischeehaft wie im Roman ist es dann eben doch nicht. Abel ist sozial benachteiligt, ein Dealer und vielleicht auch ein Mörder – was Anna nicht abhalten soll. Sie ist der Gegenentwurf aus der behüteten Fleischervorstadt, mit Einfamilienhaus, Garten und Einzelkindstatus. Und bis dahin ist in diesem Roman auch alles noch gut. Die Geschichte ist etwas vorhersehbar, aber die sprachliche Umsetzung ist gut. Das Buch ist wirklich spannend, wenn man sich festgelesen hat und gegen einen guten Krimi gibt es doch selten etwas einzuwenden.

Aber es handelt sich um ein Jugendbuch, also eines, dass sich an LeserInnen ab 14 Jahren wendet und ihnen eine Liebesgeschichte zwischen zwei sehr unterschiedlichen Personen präsentiert. Und mitten in dieser Erzählung aufkeimender Liebe passiert etwas, dass den gesamten Eindruck dieses Buch vollkommen negiert: Anna will mit Abel schlafen, die Hormone sind in voller Wallung und ein leeres Bootshaus bei Nacht scheint der rechte Ort dafür zu sein. Aber es geht gründlich schief und was als romantische Entjungferung anfängt, endet in einer Vergewaltigung. Anna ist schwer mitgenommen, nur um eine Seiten weiter doch wieder einen Zugang zu Abel zu finden und ihm zu verzeihen.

In einem Buch für LeserInnen ab 14 Jahren also wird eine Vergewaltigung in einer Beziehung wieder einmal als ein Akt dargestellt, der verzeihlich ist aus Gründen, die wir schon kennen: schlechte Kindheit, schlechte Erfahrungen, Reue im Nachgang. An dieser Stelle habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, den Rest nicht mehr zu lesen. Der Eindruck, der hier erweckt wird, ist in meinen Augen fürchterlich und hat für mich schon ernsthafte Züge von Stockholm-Syndrom. Aber diese Darstellung von selbstaufopfernder Liebe im Angesicht von unverzeihlichen Misshandlungen hat derzeit einfach Konjunktur (da fällt mir eine andere Anna ein). Insofern freut es mich, dass besagter Freund, der mir das Buch geliehen hat, ein angehender Lehrer ist und den Roman in einem Seminar besprochen hat, in dem es um Jugendliteratur geht und wie sie im Deutschunterricht einbezogen werden sollte.


Der Abschied war mit diesem Roman dann etwas einfacher: Das Ende meiner Greifswalder Zeit war zumindest viel positiver als das Ende des Romans. Ich habe alles noch gemacht, was man machen sollte:

Aufräumen und putzen, Fahrrad fahren und dabei die Caspar-David-Friedrich-Aussicht fotografieren, ein Bier auf dem Markt trinken und danach noch mindestens drei weitere im Ravic. Und natürlich eine Wunderkerze abbrennen und leise Tschüß sagen. Es waren schöne 6 Jahre hier.

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