Eduard von Keyserling – Wellen

Kurische Nehrung, Nida, Ostsee, Wellen, Meer

Es fiel sie hier plötzlich ein unerträglich starkes Verlangen nach dem Meer im Mittagssonnenschein […] an, wie es ja zuweilen geschieht, dass sie Sehnsucht nach einer vergangenen glücklichen Stunde uns so stark anpackt, dass es schmerzt, und sie musste davon sprechen: „Der Baron Hamm sagt“, begann sie, „dass Meer sei heute grün, durchsichtig und süß wie russische Marmelade.“


„Und immer wieder das Meer…“, so war mein ebenso immer wiederkehrender Gedanke zu diesem hübschen kleinen Sommerroman von Eduard von Keyserling. Ich habe mal in Estland einen deutschen Touristen sagen hören, dass die Ostsee doch überall gleich wäre. Zu gern würde ich diesem Menschen Wellen in die Hand geben und hoffen, dass er seinen Irrtum erkennt. Hier rauscht es, tobt, plätschert, glitzert, kräuselt sich, die Wellen torkeln betrunken, schäumen, springen, dass es eine wahre Freude ist weiterzulesen.

In einem warmen Sommer finden sich die Urlaubsgäste am Ostseestrand ein: Im Gasthaus „Bullenkrug“ hoch oben auf der Düne die gesellschaftlich anerkannten – unter ihnen die Generalin von Palikow mit ihre Tochter Frau von Buttlär, den 2 Töchtern und Sohn, Ehemann und Verlobtem der Tochter Lolo. Unten am Strand jedoch wohnt bei den Fischerhäusern die Gräfin Doralice, die ihren Ehemann für den Maler Hans Grill verlassen hat und von der Gesellschaft gemieden wird. Zwischen dem Meer und den Dünen entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die so ganz anders endet, als erwartet.

Eduard von Keyserling wurde 1855 in Kurland geboren und das Baltikum findet sich in seinen Erzählungen, Novellen und Romanen in jeder Zeile wieder. Die Sprache des Autors ist so zart und so poetisch, dass selbst Mondscheinquadrillen nicht mehr kitschig erscheinen. Der Text steckt voller Oppositionen: Meer und Dünen, oben und unten, gesellschaftlich anerkannt und verstoßen und vor allem Doralice hinter dem Fenster und die anderen, die zu ihr hineinsehen. Es ist, als lese man ein Kammerspiel, in dem das Meer ein eigenständiger Protagonist ist, reflektiert es doch immer wieder auch die emotionale Lage. Nichts lenkt ab von der Handlung – die Umgebung fügt sich nahtlos ein und sie ist wie das ganze Baltikum: karg, grün, blau, sandig und vor allem ereignislos.

Wellen ist ein Kleinod des Impressionismus, ein Roman, den man am besten an einem sonnigen Plätzchen in der Düne an einem trägen Nachmittag liest. Wer keine Düne hat, der liest ihn woanders und fühlt sich beim Lesen dennoch ans Meer versetzt. Mich jedenfalls hat nicht nur die Sehnsucht nach dem Meer, sondern auch nach Kurland mit seiner weiten Einsamkeit gepackt.

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