Wie ich ins Spirit gehen wollte und nie dort ankam – eine Dortmunder Kneipentour

Punkkneipe, Eck-Kneipe, Metalkneipe, Kiosk – alles dabei im Bericht vom letzten Freitag Abend. Dortmund bietet mehr, als man denkt.

Dortmund Kneipen Punk Metal

Es gibt Tage, da nimmt man sich etwas vor und dann kommen da so viele Wegkreuzungen mit so vielen Möglichkeiten, dass man irgendwie abbiegt, nochmal abbiegt und irgendwann schon ganz vergessen hat, wo man eigentlich hin wollte. So ging es mir am letzten Freitag, als ich mit unserem Couchsurfinggast und dem besten Freund der Welt einfach nur in der Stadt was essen gehen wollte, um später mal im Spirit vorbeizuschauen. Stattdessen wurde es eine spannende Tour durch Dortmunder Kneipen, die nicht nur unterschiedlichste Lokalitäten offenbart hat, sondern auch nette Menschen mit denen man einfach so mal einen Schnack halten kann.

Wir fangen bei Food Brother an, einem kleinen Laden in der Brückstraße, den man gern im schnellen Vorbeigehen übersehen kann. Hier gibt’s zu recht moderaten Preisen ziemlich leckere Burger und — wenn die Temperaturen es zulassen — kann man sich das Premium-Fußvolk auf der Straße anschauen. „Hier fühlt sich Dortmund ein wenig an wie in Berlin,“ denke ich im Angesicht von Hipstern, Proleten und Pennern vereint in einem Straßenbild. Alle drei atmen wir unsere Burger ein und sind pappsatt. Jetzt kann es losgehen mit dem Abend.


Food Brother, Brückstraße 42-44 — Richtig gute Burger für einen ordentlichen Preis.


Hirsch-Q Dortmund Pinnball Kneipen PunkMit dieser guten Grundlage geht es weiter. Der Vorsatz, nach 22 Uhr ins Spirit zu gehen ist definitiv noch stark vorhanden und so wollen wir einfach in der Gegend bleiben. Cocktailsbars sind nicht unsere Sache, aber einem guten kalten Bier sind wir nicht abgeneigt. Wenn die Kneipe dann auch noch ein bisschen Flair hat, umso besser. Letztlich stehen wir gerade vor der Hirsch-Q, die Tür ist gerade offen und hinter der Bar steht auch jemand, der willig ist ein Bier auszuschenken. „Naja, ein Bier und dann schauen wir weiter.“ Dann die Erinnerung beim Freund: Hier steht doch ein Pinball-Automat — lasst uns zocken. Wer verliert, zahlt einen Schnaps. Gesagt, getan — und wie es so ist, wenn man erstmal anfängt, spielt man immer etwas länger. Leider gibt es zu solch frühen Uhrzeiten noch nicht viel Volk im Laden, was den Unterhaltungswert ein bisschen senkt. Also, austrinken und weiter.


Hirsch-Q, Brückstraße 62 — „Asozial aus Tradition.“ Ganz im Sinne dieser Tradition: wenig Mobiliar mit Wert, verträgliche Preise für alle. Und der Pinball-Automat ist für umme. Läuft.


Für’s Spirit war es immernoch nicht spät genug. Unser Couchsurfer war noch nie in Dortmund, deshalb beschließen wir, dass wir doch wenigstens ein Bier in einer guten, alten Eckkneipe trinken sollten. Also kehren wir ins Lütge-Eck ein. Hier gibt es alles: durchsetzungsfähiges Personal, BVB an jeder Ecke und Eiche rustikal mit allem Zipp und Zapp. Auch dieser Laden war noch nicht gut besucht. Nesil, die hinter der Bar das Regime führt, erklärt uns, warum. Am Ende des Monats hat hier keiner Geld mehr, aber sobald es wieder Lohn gibt, ist die Kneipe proppenvoll. Nur drei Herren, die wahrscheinlich mehr hier wohnen als zuhause, halten eisern durch. Wir belassen es bei einem Bier und ziehen weiter. Aber irgendwie dann doch nicht zum Spirit….


Lütge-Eck, Brückstraße 1 — Der Tresen hat hier eine praktische Vertiefung, damit die Arme bequemer liegen, wenn sich der Kopf ins Bierglas neigt.


…sondern erstmal zu einem kurzen Limostop (zumindest für mich, eine Pause braucht der Mensch) an den Bergmann-Kiosk. Der Couchsurfer und ich werden belehrt — das hier ist eine Institution. Das Konzept, einen Kiosk aufzumachen und eigentlich nur Bier und Limo zu verkaufen, ist sympatisch und geht auch voll auf, wie die vielen Leute zeigen, die hier scheinbar ihren Abend beginnen. Der Bürgersteig ist voll und das Publikum sehr gemischt, denn beim Bier vereinen sich alle Gesellschaftsschichten. Über das Bier selbst gibt es übrigens auch nur Gutes zu sagen: Wir empfehlen ganz klar das Bergmann Spezial.


Bergmann-Kiosk, Hoher Wall 36 — Der geübte Mensch weiß: Wer im Stehen trinkt, kann nicht vom Hocker fallen. Außerdem ist es hier so voll, man prallt an anderen ab.


Gleich daneben liegt das Black End, eine von Dortmunds Metalkneipen. Da wir alle drei dem Metal nicht abgeneigt sind und ich in meinen Berliner Zeiten eine Leidenschaft für eine bestimmte rumpelige Metalkneipe gehegt habe, wollen wir die Gelegenheit nicht auslassen und kehren hier ein. Der erste Eindruck hinterlässt in meinem Kopf Fragezeichen — ist das Metal oder doch nicht? Kronleuchter, sanfte Beleuchtung, Barpersonal in Mittelalterkleidern. Auch musikalisch bewegt sich hier heute alles zwischen In Extremo und Faun und nur selten erklingt ein anderes Genre. Wirklich wild ist irgendwie anders. Später stellt sich heraus: Hier findet ein Themenabend statt. Ich beschließe, der Kneipe eine zweite Chance zu geben und an einem anderen Abend noch einmal herzukommen.


Black End, Hoher Wall 34 — auf dem Klo gibt es hier alles, um frisch zu bleiben: Deo, Haarspray, Klopapier mit Goldfischaufdrucken. Außerdem gilt: Je mehr Nieten, desto jünger.


Dortmund_beste_Kneipen_KraftstoffWir sind etwas angeschlagen. Der Plan, ins Spirit zu gehen, kippt vom Barstuhl und wir steuern auf unsere letzte Station zu: Das Kraftstoff. Eigentlich wollten wir noch einen Abstecher zum Café Banane machen, aber die 50 Menschen vor der Tür sagen uns schon weitem, dass dort heute kein Platz ist. Das Kraftstoff ist aber auch eine gute Alternative. Statt Metal gibt’s hier Rock und Skaterpunk auf die Ohren und jede Menge Comics auf dem Klo zu bestaunen. Hier treffe ich auch auf drei Mädels, die verzweifelt versuchen, sich auf ein Selfie zu quetschen. Ich biete meine Dienste an und so passt alles aufs Bild: Mädel eins, zwei und drei und natürlich die Comicwand über dem Waschbecken. Heftig diskutiert wird die Frage, wer von den dreien sich Jonas mit nach Hause nehmen darf, denn der sei „wirklich niedlich,“ seine beiden Freunde aber wohl nicht. Später stellt sich heraus, dass Jonas und seine Freunde am Nebentisch sitzen — oder saßen, denn Jonas hat sich heimlich davongemacht. Vielleicht war die Entscheidung für eine Dame auch für ihn zu schwer. Allen drei Mädels steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.


Kraftstoff, Augustastraße 2 — Kein Deo für alle, dafür ganze Comics an den Wänden und einen hübschen Biergarten obendrauf. Kann man machen.


Uns steht dafür die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Nach so vielen Eindrücken in so verschiedenen Kneipen sehnen wir uns nach der Gemütlichkeit der heimischen Couch und einem letzten Absacker in der Sicherheit der eigenen vier Wände. Ein netter Taxifahrer bringt uns wieder ins eigene Viertel. Er erzählt uns, dass er aus Syrien kommt und ihn an Deutschland eine Sache irritiert: „Was braucht ihr so viele Schilder hier auf der Straße? Es geht doch auch mit viel weniger. Ein bisschen hupen, ein bisschen aufpassen — die deutschen Straßen sind kompliziert.“ Trotzdem navigiert er uns mit sicherem Fahrstil ans Ziel.

Wir sind auf der letzten Etappe, als uns einfällt: Der Kühlschrank ist leer, den Absacker müssen wir noch einkaufen. Gut, dass es am Bahnhof noch einen Laden gibt, der eigentlich immer offen hat: den Späti (oder Bude, wenn man so will). Heute schmeisst Serkan den Laden aus Liebe zur Familie. Eigentlich ist er nämlich Friseur und macht jetzt seinen Meister. Er selbst ist auch ein Kunstwerk — wir bewundern seine super-akkurate Elvis-Tolle und die Koteletten, die ihm ausnehmend gut stehen. Wir kommen ins Schwatzen und schon bald steigert sich Serkan in einen leidenschaftlichen Appell für bessere Frisuren hinein: „Was die den Jungs hier schneiden, ja — Seiten kurz rasiert, oben länger — das sieht doch scheisse aus. Die sehen alle gleich aus. Dafür brauchst du keinen Friseur. Aber ich, ich mach das mit Leidenschaft! Du musst gucken, was passt zu dem Menschen. Ich rede mit den Leuten und rasier nicht einfach los.“ Ja, da ist Feuer in dem Mann und wenn er bald seinen eigenen Laden aufmacht, weiß ich schon, wo ich mir die Haare schneiden lasse. Aber dann auch nur vom Meister höchstpersönlich!


Spätis oder Bude, überall — Lebensretter in allen Lagen, nachts, morgens, am Sonntag. Danke!


Mit dem Absacker in der Tüte geht es nach Hause auf das Sofa. Wir legen noch eine Platte auf, es ist bald 4 Uhr morgens und ich denke: Schade, dass wir nicht im Spirit waren. Aber der nächste Couchsurfing-Gast kommt bestimmt. Und dann machen wir wieder eine Entdeckungstour durch Dortmunds Kneipen.

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