Daphne du Maurier – Rebecca (1938)

„Vielleicht verfolgte ich sie, wie sie mich verfolgte; vielleicht blickte sie von der Galerie auf mich herab, wie Mrs. Danvers gesagt hatte, oder setzte sich neben mich, wenn ich an ihrem Schreibtisch Briefe schrieb. Der Regenmantel, den ich angezogen, das Taschentuch, das ich in der Tasche gefunden hatte, gehörten ihr. Vielleicht wußte sie, daß ich diese Dinge benutzte, hatte mich dabei beobachtet. Jasper war ihr Hund gewesen und war jetzt mein Gefährte. Die Rosen, die ich schnitt, gehörten ihr. Fürchtete sie mich, und quälte ich sie, wie ich sie fürchtete und sie mich quälte? Wollte sie Maxim wieder allein für sich auf Manderley haben? Gegen eine Lebende hätte ich mich wehren können, aber einer Toten gegenüber war ich hilflos. Wenn es eine andere Frau gegeben hätte, die Maxim liebte, der er schrieb, die er besuchte, mit der er aß und schlief, mit ihr hätte ich kämpfen können, wir hätten uns als gleichwertige Gegner auf derselben Ebene getroffen. Sie hätte ich nicht gefürchtet. Eines Tages wäre diese Frau alt und müde oder gleichgültig geworden, und Maxim würde sie nicht mehr lieben. Aber Rebecca würde nie alt werden. Rebecca würde immer gleichbleiben. Sie würde sich mir nicht zum Kampf stellen. Sie war stärker als ich.“


Für eine gelunge Schmonzette braucht es die folgenden Zutaten:

  1. eine junge, unerfahrene Frau, die plötzlich aus ihrem mittelmäßigen Leben gerissen wird von
  2. einem mysteriösen, reichen Mann, der häufig mindestens 20 Jahre älter ist als sie und sie
  3. auf seinen wahnsinnig großen Landsitz in Cornwall entführt, wo sie
  4. auf die Rivalin trifft — was direkt den Konflikt einläutet.

Daphne du Maurier hatte alle Zutaten parat, als sie „Rebecca“ schrieb und wenn auch ich sonst immer behaupte, dass ich Kitschromane so gar nicht leiden mag, gebe ich diesmal zu: Ja, ich lese sie manchmal heimlich – im Bett oder in der Bahn auf langen Reisen. Und dieser hier war wirklich gar nicht mal so schlecht. Es wundert auf jedenfalls nicht, dass Alfred Hitchcok den Roman verfilmt hat (mit einem völlig ausdrucklosen Laurence Olivier als Maxim de Winter). Er gibt eben alles her, was die Zutatenliste so braucht und serviert als Extra eine tote erste Mrs. de Winter, deren Ableben im Verlauf der Handlung immer mehr vom Unfall in Richtung Mordfall rückt. Die Rivalin ist also schon tot und kann nur in Form einer Stellvertreterin auftauchen. Die Haushälterin Mrs. Danvers ist ihr so grandios bösartig gelungen, dass man sie locker auch in einem James-Bond-Film vermuten könnte. Die psychologische Kriegsführung findet hinter dem Rücken des Ehemanns statt, dessen weiße Weste am Ende auch nicht mehr so richtig strahlt.

Die Handlung wird allerdings kein klassisches Whodunnit, sondern als Leserinnen und Leser seufzen wir uns durch 200 Seiten „sorgende Ehefrau“, die sich endlich mal etwas emanzipiert, bevor sie dann wieder ohnmächtig im Gerichtssaal daniedersinkt. Du Maurier schafft es, dass bei allem Über-den-Kopf-Streicheln, Seufzen und Schmachten dennoch keine Langeweile aufkommt. Auf meinem Schmonzettenbarometer führt „Rebecca“ im Moment ganz klar vor „Gone in the Wind“ (Mitchell hat es übertrieben mit dem Geschmachte).

Fun Fact: Von Daphne du Maurier stammt übrigens auch die literarische Vorlage für Hitchcocks „Die Vögel“.

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