J. G. Ballard – High Rise

J. G. Ballards Roman „High-Rise“ kommt bald ins Kino. Auch die Lektüre verlangt viel ab.

Von der ersten Zeile an verstört mich dieser Roman. Das Gefühl, hier mit dem ersten Wort direkt in etwas gezogen zu werden, dessen Bedrohlichkeit sich nicht sofort erschließt und dem man sich nicht entziehen kann, ist beklemmend und erschütternd. Selten ist mir ein Roman in die Finger gekommen, der das geschafft hat; eigentlich nur einer, Hubert Selbys „Mauern“, den ich nie zu Ende gelesen habe.


„Later, as he sat on his balcony eating the dog, Dr Robert Laing reflected on the unusual events that had taken place within this huge apartment building during the previous three months. Now that everything had returned to normal, he was surprised that there had been no obvious beginning, no point beyond which their lives had moved into a clearly more sinister dimension.“


 Ein Architekt entwirft ein Hochhaus und baut es in London. Alle Wohnungen sind mit dem Besten ausgestattet, was den Inneneinrichtern zur Verfügung stand. Supermarkt, Swimming Pool, Dachgarten und Schule — alles Wichtiges ist da und eigentlich muss kein Bewohner mehr außerhalb existieren. Schon bald sind alle Wohnungen verkauft und der letzte Bewohner zieht ein. In der näheren Umgebung entstehen noch mehr dieser vertikalen Städte.

Das ist der Ausgangspunkt für Ballards Geschichte einer „de-evolution“. Denn schon bald brechen unter den Bewohnerinnen und Bewohnern Rivalitäten aus, die sich durch eine rasch zunehmende Gewalt auszeichnen. Es entsteht eine Klassengesellschaft, die sich an der Etage orientiert, in der Bewohner leben. Während die privilegierte Klasse in den obersten 5 Etagen über alle unteren herrscht, etabliert sich bis zur 10. Etage eine Mittelklasse, die wiederum eine Unterschicht in den verbleibenden 10 Stockwerken unterdrückt.

Die Erzählstimmen sind Repräsentanten dieser Klassen: Aus der Unterklasse bis in die 40. Etage reicht der Aufstieg des Dokumentarfilmers Richard Wilder. Im Penthouse des Hochhauses lebt der Architekt selbst, der schon bald die ersten Neigungen eines Tyrannen zeigt. Der Dozent Dr. Robert Laing aus dem 25. Stockwerk ist die Verbindung zwischen diesen beiden Männern. Mit Wilder verbindet ihn eine Bekanntschaft, man trifft sich auf Parties und hat die ein oder andere Unterhaltung. Mit dem Architekten dagegen spielt Dr. Laing Squash im Gym im oberen Teil des Hochhauses, bis eines Tages eine unausgesprochene Trennung zwischen den Bewohnern der Stockwerke zu wachsen scheint. Kleinigkeiten, wie ein verstopfter Müllschacht oder eine nicht funktionierende Klimaanlage bilden den Anlass für Streitigkeiten unter den Bewohnern.

Die Außenwelt verschwindet rasend schnell aus der Wahrnehmung aller Bewohner — das Hochhaus wird zu einer eigenen Welt, die niemand mehr verlässt und die niemand von außen eindringen kann. Auch die Erzählwelt beschränkt sich fast ausschließlich auf die Innenräume und die Dachterrasse des Gebäudes. „High-Rise“ ist eben auch ein Kammerspiel. Im Verlauf des Romans zerfällt die zivilisierte Ordnung vollständig, aus so manchem modernen Menschen werden Wesen, die nicht einmal mehr Sprache brauchen und nur noch für die Erfüllung elementarster Bedürfnisse leben.

Ballards „High-Rise“ mag radikal und überzogen sein, es zeigt aber auch, wie dünn die Linie ist, die überschritten werden muss, um den Anschein des Zivilisierten zu verlieren. Die Revierkämpfe, körperliche und psychische Gewalt, die Ballard beschreibt und der gegenüber man als Leser_in furchtbarerweise mit jeder weiteren Seite abstumpft, ist nicht weit hergeholt. Ihre Anfänge sehen wir auch in unserem Alltag, manches, was später passiert, ist im Krieg denkbar.

Am Ende war ich froh, dass ich die letzte Seite erreicht habe. Sicher hätte ich auch einfach aufhören können, dieses Buch zu lesen, aber manchmal geht das nicht. Gut finde ich es nicht, schlecht auch nicht — es widert mich an, es fasziniert mich. Schon lange ist es her, seit mich eine Lektüre so gespalten zurückgelassen hat. Nur eines weiß ich sicher: Auch schöne Schauspieler überzeugen mich nicht, den geplanten Film sehen zu wollen.

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